Road Trip nach Spanien Aug/Sep 2019, Km 801 – 1.307

Während ich total zermatscht in den Tag zu starten versuche, David an seinem Laptop sitzt und sich das Auto gewissenhaft immer weiter aufheizt, erreicht mich eine Nachricht von Agatha, eben jener Bekannten in Spanien, zu der wir gerade unterwegs sind, um während ihres Frankreichurlaubs auf ihr Haus samt Viehzeug aufzupassen. Bei ihr gibt es eine Planänderung:

Der Urlaub wird möglicherweise – ja, möglicherweise – abgeblasen und sie bleibt mit Freund und Kindern doch lieber daheim. 

Oh.

Aber, schreibt sie weiter, sie würde uns trotzdem gerne treffen und wir sind dennoch herzlichst eingeladen, bei ihr zu wohnen. Groß genug ist ihr Anwesen ja. Der weitere Verlauf ist also komplett in der Schwebe, und wir sind so oder so gerade auf dem Weg zu ihr, und wenn sie doch wegfährt, sollten wir rechtzeitig da sein (wie es sich für pünktliche Deutsche gehört), weil sonst der Hund, die drei Hühner und die 21 Katzen verhungern. Für uns bleibt also ersteinmal alles beim Alten und wir fahren bald weiter Richtung Spanien.

Die Playlist ist noch bei B. Bob Dylan. Wir rasen über eine Bundesstraße und vermeiden so Mautgebühren. Rechts und links von uns erstreckt sich Landwirtschaft: dichtbewachsene Felder bis zum Horizont. Aber es ist kein Getreide, welches dort unter der französischen Sonne heranreift, auch keine Hülsenfrüchte und scheinbar auch kein Gemüse. Es sind halbhohe struppige grüne Pflanzen, so weit das Auge reicht. Rechts und links von uns weit und breit nichts anderes als diese halbhohen struppigen grünen Pflanzen.

David spricht aus, was ich denke.

„Ist das … ?“

Wir kurbeln beide gleichzeitig unsere Fenster ganz herunter. Ein altbekannter Geruch schwappt uns entgegen und erschlägt uns. Erinnerungen an sehr weit zurückliegende Zeiten, längst vorüber und für immer vorbei. Jugendsünden und Heimlichtuerei. Der Reiz des Verbotenen. Der Selbstfindungsprozess der Heranwachsenden. Es stinkt so penetrant, als hätte ganz Amsterdam sämtliche Auslage seiner eigenen Coffee Shops leergekauft und sich angezündet. Noch nie habe ich so dermaßen viel Gras auf einmal gesehen. Hektarweise, tonnenweise Gras. Wahnsinn. Staunend fahren wir weiter durch die sich hinziehenden Hanfplantagen (die Fenster wieder hochgekurbelt). Die Playlist wählt just diesen Moment, um von Bob Dylan auf Bob Marley weiterzuspringen. Ernsthaft?  Auch das Universum braucht wohl hin und wieder etwas zu Lachen.

Bald haben wir aber ein Problem. Der Tank leert sich. Rapide. Wir sind inzwischen gefühlt abseits jeglicher Zivilisation, nur kleine Häuseransammlungen kreuzen gelegentlich unseren Weg. Die Tankleuchte flammt rot und drohend auf, geht wieder aus. Geht wieder an, blinkt. Geht wieder aus. Geht wieder an. Bleibt an.

„Da! Eine Tankstelle!“, rufe ich.

„Nee, die ist mir zu teuer“, sagt David lapidar und fährt weiter.

Wa– … ?!?

Wir fahren jetzt gleich bitte zur nächstbesten Tankstelle, die in Sichtweite kommt, und tanken da, egal wie teuer der Diesel da ist, insistiere ich. 

Im fahlen Lichtschein der Tankleuchte starre ich nach draußen auf die staubige flimmernde Straße, die sich durch die Ödnis zieht. Ich segne jede Sekunde, die dieses Auto noch rollt, wohlwissend, dass ich diesen zurückgelegten Abschnitt gleich nicht zu Fuß, mit einem Benzinkanister in der Hand, zweimal zurücklegen muss. Ein weiterer Ort taucht auf, Lapalisse mit Namen, und wir biegen mit dem letzten Tropfen Sprit in die Einfahrt einer Tankstelle ein. Geschafft! 

Bald ist es wieder an der Zeit, unsere Lieblingsapp zu starten und einen Schlafplatz ausfindig zu machen. Die Wahl fällt auf eine Wiese direkt am Ufer eines abgelegenen Sees. Wir navigieren dorthin, rumpeln durch abenteuerliche Feldwege zwischen Maisfeldern und kriechen im Schneckentempo vorsichtig eine Steigung hinab, die uns direkt zum See bringt. Was wir dort vorfinden, wagt das Vanlife-Herz sich in seinen kühnsten Träumen nicht zu wünschen. Wir sind vollkommen allein in herrlichster Natur! Neben uns ein paar Bäume, vor uns ein gigantischer stiller See, unter uns weiches kurzgeweidetes Gras, über uns die Farbspiele eines romantischen Sonnenuntergangs in Orange und Pink. Vogelgezwitscher und Wasserplätschern erfüllt die warme Luft. Direkt neben unserer Eingangstür fängt das Wasser an, das friedlich ans Ufer schwappt. Die Welt hat angehalten, und es herrscht Frieden. Wir können es kaum fassen. Das hier ist der perfekte Platz. Der perfekte Platz! Äußerst verzückt lustwandele ich am Ufer entlang und auch David stromert ein wenig durch die Gegend. Er entdeckt die Schilder zuerst.

„Verboten dies und verboten das!“, schreien die Schilder zornig, „Ja, auch campen jeglicher Art! Geldstrafe!“ Traurig packen wir wieder zusammen, klappen die Fenster zu und falten den Tisch zusammen. Kühlschrank auf Batteriebetrieb, Gasflasche zudrehen, Dachluken schließen, Türen mit Spanngurten sichern, Schränke verriegeln. Die Dämmerung bricht schon herein, als wir uns wieder auf den Weg machen, noch nicht wissend, wo wir ankommen werden, bevor sich die tintige Dunkelheit gänzlich über uns ausbreitet. Auf Reisen verfallen wir stets nach kürzester Zeit in einen instinktiven, animalischen Survivalmodus. Er macht sich dadurch bemerkbar, dass wir wie scheue Tiere – nicht die Jäger, sondern die Gejagten – kurz vor der Dämmerung ziemlich unruhig werden, wenn wir noch keinen Schlafplatz gefunden haben, und alles daransetzen, ein schützendes Obdach aufzusuchen, bevor es Nacht wird. Bei den Hunderten von Kilometern unserer Wanderungen machte das durchaus Sinn, jetzt gerade mit einem Wohnmobil unterm Hintern nicht so wirklich, aber wir wollen trotzdem gerne schnellstmöglich irgendwo parken, wo wir guten Gewissens stehenbleiben und schlafen gehen können, ohne jemanden zu erzürnen. Vor allem mein harmoniebedürftiger Mann besteht darauf. Alleine hätte ich es vielleicht sogar drauf ankommen lassen und wäre an dem See stehengeblieben, bis mich jemand verscheucht. Aber natürlich könnte das jede im Nachhinein von sich behaupten, große Klappe, nix dahinter, und den Larry machen. Vielleicht wäre ich auch alleine lieber abgehauen, um mir keinen Ärger einzuhandeln. Wahrscheinlich. Aber nun waren wir gerade zu zweit unterwegs und hatten uns geeinigt, lieber weiterzufahren. Nur wohin? 

Wir peilen einen Parkplatz in der Nähe von Romagnat an, auf einem Tafelberg namens Plateau de Gergovie. Wir sind ganz allein, als wir im Dunkeln die Stelle erreichen. Es ist stockduster. Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit weht hier eine warme Sommerbrise. Um mich herum kredenzen unsichtbare Heerscharen an Grillen mir unermüdlich ihr anhaltendes Konzert, als ich vom Auto zum Rand des Felsplateaus stolpere. Tief unter mir erstreckt sich ein erhabener Panoramablick auf das Städtchen Gergovie. Schlafend liegt es dort unten, im Tal. Seine Straßenlaternen verbreiten als schummrige Punkte milde ihr orangefarbenes Leuchten. Wie eine Lichterkette, mit der jemand liebevoll die Berghänge geschmückt hat, um die Finsternis zu vertreiben. Der Sommerwind bläst mir über die Wangen und durch das Haar. Es ist still und schön. Mit meiner Taschenlampen-App finde ich den Weg zurück nach Hause, entdecke vorher aber noch ein großes Schild einige Meter entfernt. Eine gezeichnete Karte des Plateaus. Vous êtes ici. Unser Parkplatz ist der erste von dreien an jener Straße, die uns hierhergeführt hat. Sie mündet in einen großen Platz mit einem Monument. Dort befindet sich angeblich eine Touristinformation und eine Wasserstelle. Die Straße dorthin ist gesäumt von archäologischen Fundstellen. Perfekt! Unsere Wasservorräte versiegen schon so langsam. Außerdem möchte ich eine Postkarte für meine Postkartensammlung. Danke für die Infos, Infoschild! Wenngleich ich hier in der Dunkelheit gerade nicht viel mehr erkennen kann als das von mir beleuchtete Schild und den glimmenden Ort drunten im Tal, bin ich froh und dankbar, hier gelandet zu sein anstatt an dem See. Ein untrügliches Gefühl flüstert mir, dass ich mich hier auch bei Tage wohlfühlen werde. Zufrieden kuschle ich mich ins Bett.

„Ich bin gespannt auf morgen“, sage ich zu David, „wenn ich die Landschaft im Hellen sehe.“

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