Roman-Snippet I

1. Kapitel

Ich könnte aber auch gut mit einem Prolog an den Leser beginnen.

Prolog an den Leser

Reden wir mal Klartext. Ich habe nicht vier Jahre Literaturwissenschaften studiert, um jetzt naiv und unwissend vor dir, Leser, zu stehen, ohne zu wissen, was Sache ist. Mein Name ist Iolo Kupe. Dichter, Veganer, Sänger, Erdling. Über mich läuft die Fokalisierung in diesem Buch. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt und werde es immer bleiben. Mir ist bewusst, dass ich eine literarische Figur bin. Meine körperlose Gestalt entstand in den Gedanken eines Menschen, eines echten Menschen aus Deiner Welt, der mich mit Bewegungen der Hände durch seine Fingerspitzen über die speckigen Tasten eines elektronischen Gerätes in Text transformierte; eine Aneinanderreihung schwarzer Lettern auf weißem Grund bin ich nun, ein Kontrast, wie er stärker nicht sein kann – Striche und Fläche, Schwarz und Weiß, Yin und Yang, Zellstoff und Pigmente, Eins und Null, Gut und Böse, Iolo Kupe. Dies ist meine Bestimmung: hier gefangen zu sein, in Gestalt eines Textes, und erst, wenn Du diesen Text liest, erwache ich vor Deinem geistigen Auge zum Leben und bekomme ein menschliches Gesicht, einen Körper, eine Stimme, eine Ausstrahlung, und meine Erscheinung wird für jeden eine andere sein, niemals wird es mich zweimal geben, denn ein jeder konstruiert mich auf seine eigene Art und Weise, und mögen noch so viele pikante Details über mich in diesem Werk auftauchen – ich bin Dein persönliches Konstrukt und werde Dich für die Zeit, die du mit diesem Text verbringst, begleiten. Oder Du mich. Im Laufe der Zeit wirst du mich sicherlich besser kennenlernen*, und die Dinge, die Du nicht über mich weißt, weil der Text nichts darüber sagt, wirst Du Dir selbst dazudenken, mir andenken sozusagen. „Die Lücken füllen“ nennen wir Literaturwissenschaftler das; den Leser fordern, eine ganz essentielle Sache für etwas, das man „ein gutes Buch“ nennt.

Ein gutes Buch zeichnet sich ebenfalls dadurch aus, dass es Anspielungen auf bedeutende Werke der Weltliteratur enthält. Je versteckter, desto besser. Daher ist es natürlich überaus nützlich (und kein Zufall), dass ich Student der Literaturwissenschaften bin. Ich mag mein Studienfach. Dadurch kann ich andauernd schlaue Sprüche kloppen, die schon einmal irgendwo in irgendeinem Buch auftauchten, und dadurch gebildet und wortgewandt wirken. Als literarische Figur steht mir außerdem das Privileg zu, in bestimmten Umgebungen bestimmte Handlungen durchzuführen, die aus anderen Werken geklaut entlehnt wurden, und damit eine literarische Anspielung, oder „Intertextualität“ zu erzeugen. Du als echter Mensch kannst so etwas in Deiner echten Welt natürlich auch machen, bloß wird die damit verbundene angestrebte Anerkennung sicherlich auf sich warten lassen. Da habe ich einen klaren Vorteil, und das finde ich selber auch ziemlich unfair für Dich. Ein Beispiel? Nehmen wir einmal an, Du sitzt in einem hippen Café und tauchst eine Madeleine in deinen Tee. Was passiert? Nichts! Niemanden wird das interessieren! Wenn ich das jedoch mache (und das werde ich an späterer Stelle, sei Dir dessen gewiss!), dann schreiben eine Menge gelehrter Leute seitenweise Essays darüber, referieren darüber in Kolloquien und Symposien, streiten sich jahrzehntelang über den Sinn und Zweck meines Madeleinetauchens und Generationen armer Studenten suchen in ihren Literaturseminaren verzweifelt nach Parallelen zwischen dieser einen Momentaufnahme aus meinem Leben und der legendären Teepause meines Kollegen Marcel (und zu welchem Schluss ihr auch immer kommen mögt: ich gönne euch die fünf Credit Points, die ihr dafür bekommt, von Herzen!).

Wenn man nun einen solchen Fall von Intertextualität in einem Buch entdeckt, dann überkommt einen ein elitäres Gefühl von Exklusivität – ich, Mensch von Welt, schriftgewandt, gehöre zum Kreis jener, die den wahren Wert dieses Buches und die Genialität des Autors (und damit einhergehend natürlich die eigene Genialität) erkennen. Aber mal ehrlich: die ganze Freude am Lesen geht doch flöten, wenn Du mit dem Bleistift in der Hand fortlaufend schlaue Kommentare an den Rand kritzelst, fieberhaft nach Stichworten googelst und das wertvolle Kulturgut Buch (dauerhafter als jede Datei) mit Anstreichungen verschandelst. Man radiert das doch sowieso nie wieder weg und der Nächste ist angepisst davon, dass die gedanklichen Ergüsse eines anderen die eigene Lesart beeinflussen. Und dass ein Buch „gut“ ist und Dir Spaß macht – denn das ist der eigentliche Sinn im Leben eines jeden Lebewesens egal welcher Spezies, um diese Frage endlich ein für alle mal zu klären: glücklich zu sein! – wirst Du auch feststellen, wenn Du die wichtigen Kniffe und Tricks des Autors gar nicht weiter hinterfragst, sondern Dich mit mir gemeinsam, um auf obiges Beispiel zurückzukommen, einfach an der eingetauchten Madeleine erfreust, und Dich beim Lesen schlichtweg wohlfühlst, weil Du das Buch gerne liest. Oder? Ich denke schon. Trotzdem musste ich jetzt ein wenig auf diesem Thema herumreiten, denn ein Text, so heißt es, zeigt selber an, was er ist. Noch so eine Metatextgeschichte: Wenn vorne „Roman“ draufsteht, ist es ein Roman. Wenn „Autobiographie“ draufsteht, dann ist es eine Autobiographie.** Und so weiter. Da „der Text“ an sich aber nicht des Zeigens mächtig ist, sehe ich als Hauptfigur mich in der Verantwortung, diesen Part zu übernehmen. Immerhin macht der Text mich und ich mache den Text. Man könnte uns fast miteinander gleichsetzen. Und vier Jahre Studium der Literaturwissenschaften und eine halbfertige Bachelorarbeit befähigen mich sicherlich zu genüge dazu, ein Urteil über die Gattung und Qualität dieses Werkes abzugeben. Aber darum soll es hier ja jetzt nicht gehen. Ich persönlich denke, dass jede und jeder sich umfangreiche Bildung aneignen kann, so denn die Motivation einen dazu treibt. Das Potential ist in jedem Menschen vorhanden. Das ist so wie mit Veganismus: Grundsätzlich ist jeder Mensch sowohl physisch als auch psychisch derart beschaffen, sich vegan zu ernähren; und darüber hinausgehend natürlich – denn das Thema fängt ja bei der Ernährung erst an – sich im Einklang mit dem Miteinander aller Spezies dieser Welt zu bewegen. Davon bin ich überzeugt, und dieses Wissen treibt mich an, für diejenigen, die noch Impulse für ihren Entscheidungsweg brauchen – denn jedwede Lebensphilosophie basiert auf einer Entscheidung, und sei es im Fall von sogenannten Allesessern, dass sie diese Entscheidung unbewusst trafen oder vielmehr trafen lassen und ihnen im gesellschaftlich-kulturellen Kontext fortwährend erschwert wird, eigenmächtig ihrem Herzen zu folgen und sich damit gänzlich menschlich zu verhalten –, ein friedvolles Miteinander vorzuleben. Das ist meine Herzensangelegenheit, für die ich mich einsetze, um das utopische Ziel anzustreben, dass jedes Lebewesen sein persönliches, wie auch immer geartetes Glück leben darf.

शान्ति

शान्ति

शान्ति

– der Protagonist, im Dezember 2016

Musenanruf

Ich hab’s mehrmals versucht, aber anscheinend sind gerade alle in einem Funkloch.


Fußnoten

* Ja, ich weiß, es ist ein undankbarer Job, Leser in der Postmoderne zu sein. Man wird schon seit knapp über hundert Jahren einfach ins Geschehen eines Buches geschmissen, ohne dass einem erklärt wird, worum es überhaupt geht und wer die ganzen Leute sind, die sich in der Anfangsszene tummeln. Aber Herrgottnochmal, es muss ja nun einmal von Anfang an ein Spannungsbogen erzeugt werden, um Dich, wertvoller Leser, Erwecker des Lebens der literarischen Welt, bei der Stange zu halten! Also bitte etwas Nachsicht mit den Autoren, die sich nach 3000 Jahren Schriftsprache immer epochenweise etwas Neues ausdenken müssen, um sich als Schreiberling in ihrem jeweiligen Zeitalter einen Namen zu machen!

** Wie fies, dass sich Autobiographen dann gegebenenfalls die künstlerische Freiheit herausnehmen, trotzdem fiktive Elemente in ihre Memoiren einzubauen, wie es Mark Twain einst tat. Dann ist in dem Buch nämlich doch nicht das drin, was draufsteht; so ähnlich wie das leere beschriftete Marmeladenglas, das Alice während ihres Fallens ins Wunderland hoffnungsvoll aufschraubt

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