Roman-Snippet III

Charlotte

* * *

Als ich nach Hause komme, sitzt Charlotte in der Küche und starrt gedankenverloren auf ihr unangetastetes Frühstück.

„Hi“, sage ich und fülle Leitungswasser in die Kaffeemaschine, „so früh schon wach?“

Charlotte schweigt und trinkt zaghafte Schlückchen von ihrer Vollmilch.

„Ich rate dir wirklich dringend, das Zeug nicht mehr zu trinken. Weißt du eigentlich, was du deinem Körper damit antust? Dein Stoffwechsel ist überhaupt nicht darauf ausgelegt, die art­fremde Laktose zu verarbeiten. Ganz zu schweigen von den Grausamkeiten, die der Entste­hung dieser Milch da vorausgingen. Oder gehörst du etwa auch zu denjenigen, die immer noch ernsthaft glauben, Kühe würden einfach so Milch produzieren?“

Die Kaffeemaschine hustet und gluckst ihr verschleimtes Röcheln in die Stille des frühen Mor­gens hinein, und unversehens durchschwappt mich jene gemütliche Welle der wohlig-tranquilen Geborgenheit, die untrennbar mit diesen Geräuschen einhergeht, so als würde man sich mit einem bauschigen Kissen und einer dicken weichen Decke in eine schützende Gebärmut­ter kuscheln und gleich einschlummern. Wasserdampf dringt aus der Ritze zwischen Plastikdeckel und Filterhalterung. Das linke Küchenfenster beschlägt ein bisschen. Ein einzel­ner heißer Tropfen rinnt die Scheibe hinunter und verschwindet im schwarzen Schimmelrand am Fensterrahmen. Warmer Kaffeeduft erfüllt den Raum. Charlotte hört auf zu trinken. Ich beschließe, das Thema zu wechseln.

„Wie geht es denn Felix? Den habe ich hier ja ewig nicht mehr gesehen. Habt ihr euch etwa gestritten?“

Charlotte durchbohrt mich ein paar Sekunden mit wütenden Blicken. Dann wendet sie sich demonstrativ von mir ab und konzentriert sich wieder auf ihren rosageblümten Teller.

„Seid ihr überhaupt noch zusammen?“, frage ich, während ich einen zur Hälfte mit Sojamilch gefüllten Becher in die Mikrowelle stelle.

Charlotte steht auf und verlässt die Küche. Irgendwo im ersten Stock höre ich eine Tür knal­len. Der Kaffee ist fertig.

„Ich habe ihn sowieso nie gemocht“, sage ich zu der Sojamilchtüte in meiner Hand und setze mich mit meinem Kaffeebecher an den Küchentisch.

* * *

Heute sind wir draußen im Garten. Es ist ungewöhnlich warm für diesen Monat. Geradezu sommerlich. Ganz stilecht sitze ich mit einer Akustikgi­tarre unter einem knorrigen Apfelbaum. Ich habe mir extra ein buntes Batikstirnband um den Kopf gebunden, um noch klischeehafter auszuse­hen. Wahrscheinlich bin ich aber der einzige, dem das auffällt und der das lustig findet. Die Sonnenstrahlen glitzern durch die neuen Blätter und strömen grüngefiltert auf die Wiese. Blassrosa Knospenkügelchen spren­keln die Zweige. Am Fuße des Baumes ist der Boden weich gepolstert und sehr warm und duftet nach trockenem Moos. Charlotte liegt neben mir im fleckigen Schatten und kaut verträumt an einem Grashalm. Schon den ganzen Tag versuche ich, einen neuen Songtext über die gesellschaftspoliti­sche Situation der Frauen in Indien zu schreiben, doch ich finde kein Wort, das sich auf kritisch reimt. Ein paar Schritte hinter mir wächst ein prachtvol­ler kanariengelber Ginsterstrauch, dessen Blütenduft schwer in meiner Nase liegt. Auf Schulterhöhe kringelt sich eine flauschige Raupe stetig den Apfelbaumstamm hinauf. Man möchte sie am liebsten kraulen. Ihre Füße sehen aus wie Saugnäpfe. Ich rücke ein bisschen vom Baum ab, damit ich das zarte Wesen nicht versehentlich zerdrücke. Kein einziges Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Es ist ein Dienstag im April.

„Was reimt sich auf kritisch? Hast Du eine Idee?“

Charlotte murmelt einen fragenden Ton durch ihren Grashalm. Die Raupe bleibt mit einem Fuß an einem Harztropfen kleben. Interessiert guckt eine hauchdünne Spinne aus der schrundigen Borke und beobachtet die pelzige Pilgerin. Ich befreie das arme Schmetterlingsbaby aus seiner misslichen Lage. Unbeirrt setzt es seinen Weg in höhere Sphären fort. Die Spinne sieht mich vorwurfsvoll an. Charlotte hat sich noch nie für meine Musik interessiert. Wieso frage ich sie eigentlich?

„Typisch“, sage ich.

Unter dem blöden Stoffstreifen juckt meine Stirn. Dumme Idee bei der Gluthitze. Weg mit dem Scheißteil. Die träge Ginsterwolke verdrängt die Luft in einem Radius von zehn Metern und füllt meine Lungen bei jedem Atemzug. Die Raupe wird von einer Horde Ameisen weggeschleppt. Ich bemerke, dass ich in einem verschimmelten Apfel vom Vorjahr sitze. Verärgert werfe ich das Stück Fallobst in hohem Bogen über den Zaun; in den Nachbargarten der drei Furien.

Depart from me, ye cursed, into everlasting fire!“, rezitiere ich. Schade, nur ich finde das lustig. In meiner kleinen Welt ist das lustig. Aber gleichzeitig frage ich mich, wieviel von dem, was ich sage, schon längst gesagt wurde. Verschwinden meine Gedanken gar unbesehen und unerhört im Gemurmel der Diskurse? Ich argwöhne, nur ein unendliches Mosaik aus Zitaten zu sein. Fremdgesteuert von dem, was ich weiß, rede ich schlau daher, werde zuweilen gar dafür bewundert, und habe doch selber nichts zu sagen. Die nächste Frage wäre dann doch: Wie wichtig oder unwichtig ist es dann überhaupt, etwas zu sagen? Und wen kümmert’s, wer spricht? Vermag ich kleines Individuum das auszudrücken, was schon Generationen vor mir tausendfach ausformuliert haben, und dann noch in einer Weise, mit der ich mir Gehör verschaffen kann – in einer Art und Weise, in der mein Gesagtes tatsächlich etwas bewirkt? Manchmal denke ich, dass es vollkommen unmöglich ist, einen anderen jemals vollkommen zu verstehen, sind die Äußerungen eines jeden Menschen doch stark gefilterte Partikel seiner Gedanken. Wie ein einsames Spermium, das glücklicherweise den Weg in die Fruchtbarkeit findet und wachsen und gedeihen darf; seine Abermillionen Mitstreiter jedoch gehen für immer verloren und niemand weiß, welch phantastische Einzigartigkeiten sich aus ihnen entwickelt hätten, wenn sich ihnen nur die Chance geboten hätte. Und wer bin ich, mir anzumaßen, mit meinen halbgaren Texten die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen. Ich finde ja nicht einmal ein Reimwort für kritisch. Und Charlotte träumt leer in den Himmel, gefangen in ihrer eigenen kleinen Gedankenwelt, und sagt gar nichts. Typisch.

Zeit, sich einen anderen Platz zum Komponieren zu suchen.

Moment. Typisch?

„Ich glaub, das funktioniert, Charlotte“, sage ich zu ihr und freue mich riesig. Typisch passt perfekt. Endlich kann ich den Text zu Ende schreiben. Zum Dank greife ich die Gitarre und singe für sie.

Charlotte, ich glaub, das funktioniert
Wenn auch nicht alles Kasse macht
So war’s doch immer schön gedacht

Ich glaub du hast studiert, Charlotte
Charlotte, ich glaub, du hast studiert
Vielleicht nicht Kunst und Politik
So doch zumindest Popmusik

Du bist so reflektiert, Charlotte
Charlotte, du bist so reflektiert
Du bist – ich sag es geradeheraus
Die Nana Mouskouri des deutschen House

Ich glaub, das funktioniert, Charlotte

Charlotte, ich glaub, das funktioniert

Ich glaub, das funktioniert, Charlotte …

Muddern geht mit einem Stück Erdbeerkuchen in der Hand stirnrunzelnd an uns vorbei und schüttelt den Kopf.

* * *

Behände schließe ich die Tür auf und verschwinde lautlos in meinem Zimmer. Meine Freude möchte ich ganz für mich allein behalten und mich in vollen Zügen darin suhlen, jede Pore soll sich prall mit diesem Glücksgefühl füllen, meine Lunge soll bis zum Bersten Freude einsaugen, glücklich ersticken will ich an meiner Freude. Ich fühle mich wie auf Wolken.

Zu meiner Überraschung liegt Charlotte auf meinem Bett und schläft. Sie hat mir den Rücken zugedreht und schnarcht leise und gleichmäßig. Ein Bild des Friedens.

Wie ist sie verdammt noch mal hier hereingekommen? Und wenn sie es schafft, ohne mein Wissen mein Refugium zu betreten – wer dann noch? Auf Zehenspitzen springe ich zum Kleiderschrank und spähe hinein. Natürlich sieht der Karton mit dem Werkzeug äußerlich so aus, als hätte ihn niemand angerührt. Innen fehlt auch nichts. Aber das nützt mir herzlich wenig. Was habe ich denn erwartet? Dass der komplette Inhalt nebst zerfetztem Pappbehältnis im ganzen Raum über das Laminat verstreut wurde, damit ich als Eigentümer direkt nach dem Eintreten auch ja sofort erkenne, dass ich aufgeflogen bin? Am besten noch zusätzlich verdeutlicht durch auf alle Wände geschmierte riesige blutrote Lettern, die mir auf Augenhöhe ICH WEISS, WAS DU LETZTEN DIENSTAG GETAN HAST ins Gesicht brüllen? Was denke ich eigentlich? Dass die tatsächliche Konstruktion des soeben vor meinem geistigen Auge so lebhaft heraufbeschworenen Szenarios gefälligst zum Zimmerdurchwühlerehrenkodex gehört, an den sich bitteschön jeder zu halten hat, der unbefugt in Privaträumlichkeiten eindringt? Dass es doch absolut nicht sein kann, einen durchsuchten Kleiderschrank so zu hinterlassen, wie er vorher war; dass es sich einfach nicht ziemt, den Bespitzelten in Unkenntnis darüber zu lassen, dass er bespitzelt wurde? Christa Wolf würde sich totlachen, wenn sie es nicht schon wäre. Bin ich wirklich so naiv? War ich wirklich so naiv, alle Beweisstücke, mit denen mir mehrfacher Hausfriedensbruch, mutwillige Zerstörung fremden Eigentums und schwere Nötigung nachgewiesen werden kann, ungeschützt in einem nicht abschließbaren Kleiderschrank in meinem Schlafzimmer zu deponieren?

Wie ist Charlotte hier hereingekommen? Die Tür war abgeschlossen! Ich kann sie ja schlecht aufwecken und unverblümt fragen. Du, sag mal, bist du eigentlich einfach nur so hier rein, um deine Ruhe vor Muddern zu haben, oder war noch jemand dabei? So Leute mit Handschuhen, die sich für meine Schränke und Schubladen interessierten? Waren die zufällig auch an meinem Computer?

Der Computer.

Ich muss mich beruhigen. Runterkommen.

Don’t panic. They’re mostly harmless.

Charlotte schnarcht immer noch gleichmäßig vor sich hin, sie hat von meinem internen wahrgewordenen Albtraum nichts mitbekommen. Behutsam setze ich mich auf das Fußende des Betts und betrachte sie liebevoll. Da durchzieht mich das Grauen. Mir wird heiß und kalt, meine Kopfhaut prickelt, ich bekomme Gänsehaut. Charlotte schläft nicht. Die einstmals rosafarbene Tagesdecke, auf der sie liegt, ist feucht und schwarz von Schimmel. Charlottes Augen sind geöffnet. Sie starrt leer an die Zimmerwand. Sie holt Luft und seufzt einmal tief. Erst jetzt wandert mein Blick weiter über ihren Körper. Sie ist viel zu dünn. Elle und Speiche stehen deutlich hervor und sind mit papierdünner Haut überzogen. Sie ist stark untergewichtig. Ihr Gesicht ist sehr schmal und die Augen sind eingefallen, sie liegen tief in den Höhlen. Ihre Lippen sind etwas zurückgezogen und bedecken das blasse Zahnfleisch nicht mehr ganz. Ein Schneidezahn fehlt. Aus allen Poren dünstet der Tod. Ihre Augen erfassen die Bewegung meiner Hände nicht. Sie atmet mit halbgeöffnetem Mund gleichmäßig und röchelnd weiter. Ihr Atem riecht nach Verwesung.

* * *

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