Roman-Snippet IV

Scavenger

Gerade noch rechtzeitig schleppe ich mich die Treppe hinauf und stehe am Bahnsteig. Ich habe sogar noch eine ganze Minute Zeit – eine Zugwarteminute ist die Zeiteinheit eines anderen Universums mit anderen Gesetzen; sie ist unendlich viel länger als die ordinären Minuten hierzulande. Während man sich unter normalen Umständen darüber freut, dass nur noch eine Minute zwischen jetzt und dem gewünschten Geschehen steht, ist es in der Welt des Bahnverkehrs hingegen äußerst ärgerlich, noch eine ganze Minute auf den Zug warten zu müssen. Andersherum kommt man sich vor wie der bekloppteste Vollhorst, wenn man als erster panisch aus der U-Bahn springt, wie in einem Jump-and-Run-Spiel durch den Bahnhof rennt, wie ein Berserker Rolltreppen hochkeucht, nur um letztlich festzustellen, dass der Zug, den man erwischen wollte, schon seit einer Minute weg ist. Aber nicht heute. Heute muss ich noch mindestens eine Minute in meiner klammfeuchten Jacke auf dem dünnbesiedelten Bahnsteig frieren. Zum Glück habe ich meinen Kaffee.

Ich beobachte gelangweilt einen alten Mann, der um die Abfalleimer schlurft, hineinleuchtet und nach Pfandflaschen sucht. Ein Bild, das in jeder größeren Stadt zum Alltag gehört; trotzdem tut er mir ein bisschen leid. Seine linke Hand umkrampft die weißen Träger einer großen, halbvollen Plastiktüte. Seine Turnschuhe sehen mindestens genauso alt und verbraucht aus wie er selbst. Die farblose Strickjacke ist offen, weil sie weder Knöpfe noch Reißverschluss hat. Er trägt eine dünne graue Hose, die bei jeder Bewegung irgendwie schlackert. Eine Alte-Männer-Hose. Ich sehe ihn an. Mich durchfährt schlagartig eine Erkenntnis, die lauter in mir dröhnt als die Lautsprecherstimme, die jetzt die Einfahrt meines Zuges ankündigt: Wenn dieser alte Mann nicht irgendein alter Mann wäre. Wenn es mein Opa ist, der in einer Dezembernacht dünnbekleidet bei sieben Grad Minus tief in volle Mülleimer greifen muss, um eine Glasflasche herauszuholen, für die er acht Cent bekommt. Acht Cent. Weil er acht Cent unbedingt braucht. Mein Opa. Mein Vater. Muss im widerlichen Müll der Konsumgesellschaft wühlen. In den überflüssigen Verpackungen überflüssiger Einkäufe, in matschigen Essensresten und benutzten Taschentüchern. Mit steifgefrorenen Fingern. Für eine Glasflasche. Für acht Cent. Acht Cent. Es bricht mir das Herz.

Nur am Rande nehme ich wahr, wie mein Zug heranrauscht, langsamer wird, anhält und dass die wartenden Leute wie eine Horde Zombies wie auf Kommando zu den Türen streben. Ich gehe zu dem alten Mann.

„Entschuldigen Sie bitte.“

Er zuckt zusammen, starrt mich mit aufgerissenen Augen an. Sie sind hellblau und wässrig und in ein Netz von Falten und Furchen eingebettet, die viel zu erzählen hätten, wenn sich jemand dafür interessieren würde. Er sagt kein Wort. Er ist gewappnet für das, was er erwartet.

„Darf ich fragen, wieviel Geld Sie pro Tag für das Leergut bekommen, das Sie sammeln?“

Die Angst in seinen Augen weicht etwas und macht Platz für Irritation.

„Meistens so fünf Euro“, sagt er. Die Stimme hat trotzdem noch Angst. Sie klingt erschöpft.

Ich checke mein Portemonnaie. Nehme den letzten Schein heraus. Einen Zehner. Alle Leute sind in den Zug eingestiegen.

„Es soll morgen und übermorgen schneien. Bitte bleiben Sie im Warmen. Bleiben Sie bitte zu Hause.“

Ich gebe ihm den Zehner in die rechte Hand, klemme das kostbare Papierquadrat zwischen seine gefrorenen Finger und seine kleine Taschenlampe. Er blickt auf das Geld. Sieht mir direkt in die Augen. Eine Träne rinnt seine Wange hinunter. Der Schaffner pfeift schrill das Signal, dass die Türen gleich verriegelt werden. Eine Welle aus Wärme durchschwappt mich, ich kann nicht anders: Ich schließe den alten Mann kurz in die Arme. Schließe meine Augen und drücke ihn leicht. Öffne die Augen wieder. Gebe ihm meinen vollen Kaffeebecher. Und springe in den Zug. Die Türen knallen hinter mir zu. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Leute glotzen mich an.

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