Roman-Snippet V

Petra Stillmann

Eine beeindruckende Frau betritt den Zug. Sie geht alt und gebeugt; die weißen Haare umrahmen dünn den blassen Kopf. Das Gesicht sieht teigig und verrutscht aus mit seinen beiden großen Tränensäcken. Die Frau trägt ein zu großes, einstmals weißes, jetzt graues und verdrecktes Brautkleid. Sie hält die Überreste eines aufgespannten Regenschirms über ihren Kopf. Große Teile des Stoffbezugs sind weggerissen und fehlen, und es bleibt vorerst dem Leser überlassen, ob das verbliebene Metallskelett mit den herabhängenden weißen Fetzen noch als Regenschirm bezeichnet werden kann oder ob eine neue Bezeichnung für dieses Objekt gefunden werden muss.

Die Horde schreckt vor dem Funkeln in den milchigblauen Augen zurück. Sieht weg. Ein einziger Gedanke wird hundertfach aus dem kollektiven Geist geboren, verdrängt alles andere, hängt schwer im Raum: Bitte nicht zu mir setzen, bitte nicht zu mir setzen, bitte nicht …

Sie sagt kein Wort und scheint sich überhaupt nicht bewusst zu sein, dass sie im Mittelpunkt des heimlichen Interesses steht. Sie setzt sich mir gegenüber. Hält das Metallskelett über ihren Kopf. Wir schweigen lange Zeit.

„Keine Fragen. Ja. Nein.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Wer sind Sie?“

Das könnte interessant werden.

Etwas Großes schubst mich in den Rücken. Die kollektive Aufmerksamkeit.

„Kupe. Angenehm.“

„Nein. Ja. Danke. Ich spreche nur mit Leuten, deren Namen ich kenne. Ja und ja. Mein Name ist Petra Stillmann. Das gebe ich gerne zu. Dies ist nicht mein echter Name. Nein. Ich bin göttlich. Gott, göttlicher. Sagt mein Vater. Mein Vater war dunkel. Heinrich Dunkel. Das ist nicht sein echter Name. Ich sage das aus freien Stücken.“

Ein älterer Herr wackelt den schmalen Gang entlang und versucht, sich an den in alle Himmelsrichtungen stakenden Metallrippen vorbeizuquetschen. Es misslingt ihm; eine bleibt an seinem großflächigen Ohrläppchen hängen, eine andere sticht ihm in den Hals. Der kollektive Geist schmatzt empört auf.

„Was hat die auch diesen aufgespannten Schirm hier drinnen“, entrüstet sich ein anonymes Sprachrohr von weiter hinten.

„Schirm, nein. Da. Da sehen Sie. Da sehen Sie mal, dass meine Arbeit dringend getan werden muss. Das ist gar kein Schirm. Was ist ein Schirm? Wofür ist ein Schirm? Er schirmt ab. Schirmt das ab? Ja und nein. Nein. Was ist ein Schirm, der nicht schirmt? Da haben Sie’s. Es gibt kein Wort dafür. Ich sammle Dinge. Ich sammle Namen. Es muss dringend getan werden. Ja und ja. Die Welt geht zugrunde, wir fahren direkt in die Hölle. Wir sind mittendrin. Wir sind im fünften Kreis der Hölle. Wir sind in der Hölle und haben nicht genügend Wörter. Nein. Was wir brauchen, sind ein paar neue Wörter. Seht euch an, wohin uns die alten führen. Schirm für Schirme, die keine Schirme sind. Unschirmender Unschirm. Unsinniger—“

„Nächste Station: Dis“, unterbricht die Lautsprecherdurchsage vom Band den Monolog.

Petra Stillmann (das ist nicht ihr echter Name) und ich stehen gleichzeitig auf und stellen uns vor die Zugtüren. Sie lässt ihren Wortschwall kontinuierlich weiterströmen.

„Ich bin Petra Stillmann. Dies ist nicht mein echter Name. Ich bin göttlich. Divinatorisch. Diva Divina. Divinal commedial. Komisch—“

„Nächster Halt Dis, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“, sagt die menschliche Lautsprecherdurchsage, während der Zug bremst.

Dentro li entrammo sanz’alcuna guerra;

e io, ch’avea di riguardar disio

la condizion che tal fortezza serra,

com’io fui dentro, l’occhio intorno invio;

e veggio ad ogne man grande campagna

piena di duolo e di tormento rio”, sagt Petra Stillmann voller Inbrunst, als würde sie von einer Empore zu Heerscharen von Zuhörern sprechen. Und in der Tat hat sie die auch.

Ein Ruck. Der Zug hat angehalten.

Ich drücke auf den grün leuchtenden Knopf der Türen. Außer mir steigt niemand aus.

„Ihr aber, die ihr voll bei Verstand seid, achtet auf die Lehre, die sich unter dem Schleier der ungewöhnlichen Verse verbirgt!“, ruft Petra Stillmann mir hinterher.

Rot glühen die von unten angestrahlten Zinnen des Kirchturms. Eine der drei Erinyen öffnet ihre Haustür und zetert hinter mir her, weil ich es wage, um diese nachtschlafende Zeit (es ist 23:20 Uhr) in Hörweite ihrer Residenz zu niesen. Vor Bauer Schulzes sonst immer akkurat verrammeltem Gebäudekomplex steht ein Tiertransporter mit laufendem Motor. Bauer Schulze und zwei weitere Männer haben Elektroschocker in der Hand und treiben eine Flut von kleinen braunweißen Kälbchen vor sich her, zum Transporter. In den großen Augen der Kälbchen spiegelt sich das Sternenlicht. Durch ihre langen, gebogenen Wimpern scheint der Mond. Sie sind Kinder.

Der Wahnsinn heißt Normalität.

Mich beschleicht der Verdacht, dass Petra Stillmann der vernünftigste Mensch im diesem Zug war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Consent Management Platform von Real Cookie Banner
%d Bloggern gefällt das: