Sadhana Forest Auroville, Part III — Ankommen

Ich bin da! Hier ist der Bericht über meine Ankunft in Sadhana Forest. Eine Odyssee.

Ortszeit: 00:27 h am 02.01.16

Zeitgefühl gleich Null. Seit zwei Uhr morgens bin ich wach, also seit 19 Stunden. Mitten in der Nacht wurde ich von einem Albtraum geweckt und seitdem kämpfe ich mich völlig zerschlagen durch diesen irre langen Tag: nachts Reiseproviant für mich und Bento für David machen, morgens tapferer Abschied von David, ab halb sieben Fahrt mit dem Fernbus zum Flughafen Frankfurt. Ins Gewühl und Leerlauf – vier Stunden Wartezeit bis zum Abflug. Ich erfahre, dass mein Handgepäck nur 7 Kilo wiegen darf. Aber sie fühlt sich so schwer an, die Tasche mit meinem Laptop, dem vielen Essen, zwei Büchern und den anderen überlebenswichtigen Sachen. Sicherheitshalber esse ich ganz viel von meinem halben Kilo Datteln und von den belegten Broten. Ich stelle mir vor, drei Kilo Vollkornbrot zu essen und erkenne die Sinnlosigkeit meines Tuns. Ich trinke mein mitgebrachtes Leitungswasser aus, verstaue die Trinkflasche im Wanderrucksack und tüte ihn gleich darauf in den „Vorgarten“ ein. Der Vorgarten ist eine große strapazierfähige Plastiktasche, in die man einen Wanderrucksack reintun kann, damit dieser nicht als Sperrgepäck aufgegeben werden muss. Manchmal klappt das, manchmal nicht, und manchmal sind die Tussis am Schalter mit dem riesigen schweren Plastiksack überfordert, weil sie nicht wissen, wo sie ihren Streifen Aufkleber hinkleben sollen. Jedenfalls, wenn man dann also am Ziel angekommen ist und loswandert, schleppt man folglich auch diese Plastiktüte durch die Weltgeschichte. Sie hat mich auf all meinen Wandertouren begleitet. Das Praktische an ihr: nachdem man das Zelt aufgebaut hat, kann man sie davor hinlegen und seine Schuhe und anderes Zeug darauf ablegen, wie ein Vorleger sozusagen, oder ein – richtig geraten! – Vorgarten eben. Also nachdem ich den Rucksack in den Vorgarten gepackt habe, checke ich mein Gepäck ein, und der Heini am Schalter verwirrt mich. Er will meinen Pass haben und ich gebe ihm ihn.

„Das ist kein Pass“, meint er lapidar zu dem Dokument, das mich als vollwertigen Menschen identifiziert.

Verwirrung. Dann klick. Ach so, ja. Hier, mein Reisepass. Ich merke, dass ich schon seit Stunden wach bin.

Im Transitbereich finde ich eine Handyladestation, schließe mein Smartphone an, kriege das WLAN zum Laufen und öffne die mitgebrachte Tüte mit den veganen Weingummiteilen. Sonne. Hitze. Feiner Sand, Dünen … Borkum?!? Wieso bin ich plötzlich mental in, oder vielmehr auf, Borkum? Dann verstehe ich. Mein Flashback enthüllt mir, was mir entfallen war: Anno 2000, mit 18 Jahren, war ich mit einem damaligen friend with benefits mal für eine Woche zum Zelten auf Borkum. Schon als wir ankamen, waren wir beide pleite, und so ziemlich das Einzige, wovon wir die ersten tage lebten, war eine Anderthalbliterflasche Pfirsicheistee. Das hatte ich total vergessen!! Und dann futtere ich ein so’n Pfirsich-Weingummi, und dann stürzt diese Erinnerung auf mich ein. Und wenn ich weiter so ausführlich schreibe, werde ich nie fertig mit dem heutigen Bericht. Ich grüble die ganze Zeit über die 7-Kilo-Problematik nach und entsinne mich einer Episode aus dem Roman „Wo die wilden Maden graben“: Da geht es darum, dass der Tourbus 500 Kilo zu schwer ist und nicht über die österreichische Grenze darf, und dann steigen alle Bandmitglieder aus, schleppen jeder zwei schwere Taschen mit und passieren die Grenze zu Fuß. Der Bus wird wieder gewogen, ist diesmal leicht genug und darf auch über die Grenze. Die Jungs von der Band steigen mit ihtem Zeug wieder ein und man fährt von hinnen. So mache ich es auch: ich stopfe mir alle Hosen- und Jackentaschen voll mit Ladekabeln, Pässen, Handy, Digicam und Kopfhörern. Baggypantmäßig schlurfe ich mit der tonnenschweren Hose und dem fluffigleichten Handgepäck zum Securitybereich, schmeiße alles in die graue Plastikkiste, lasse mich durchleuchten, piepe wie immer an allen erdenklichen Stellen und darf weiter, ohne dass irgendjemanden auch nur im Entferntesten das Gewicht meiner Tasche interessiert hätte.

Nach weiterem Rumgegammel am Gate – ich bin inzwischen total übermüdet, dehydriert und kopfschmerzgeplagt – besteige ich dann meinen ersten Airbus A 380. Krasses Teil! In der Rückenlehne des Vordersitzes ist ein Touchscreen eingelassen, außerdem tausend kleine Knöpfchen, ein Kopfhörereingang und ein USB-Port, und andere blau leuchtende Eingänge, für die ich möglicherweise schon zu alt bin. Auf meinem Platz liegt eine eingeschweißte Decke, eingeschweißte Kopfhörer und ein kleines Kissen. Es ist recht gemütlich auf meinem Platz mit all dem Kram. Auf dem Screen kann man zwischen drei Livekameras, die außen am Flugzeug befestigt sind, hin- und herschalten. Ich erlebe den Start aus der Pilotenperspektive hautnah mit.

Natürlich kann ich keine Sekunde schlafen, lesen auch nicht. Ich gucke auf dem Touchscreen den Film „Little Miss Sunshine“, benutze das bordeigene WLAN, um mit David zu chatten, und finde schließlich ein bisschen zur Ruhe, als ich mir Musik anmache und mich zu den Klängen der Beatles, der doors und der Stones in meine Emirates-Decke kuschle.

Ungefähr fünfeinhalb Stunden später bin ich da: Dubai! Und da bin ich jetzt gerade, als ich dies schreibe, immer noch. Der Flughafen ist ungefähr so, wie man sich den Flughafen Dubai wohl vorstellt. Monströs groß, sauber wie geleckt, hochglanzpoliert, teuerste Konsumtempel kreischen ihr buntes Angebot unverblümt in die dahinschreitenden Massen, an die obligatorischen Palmen wurde ebenfalls gedacht und trotz der fortgeschrittenen Stunde herrscht reger Betrieb. Eine Bahn bringt mich zum richtigen Gate, B30. Vorher gönne ich mir auch ganz dringend eine Premiere: eine arabische Hocktoilette! Gott sei Dank, und soll ich das jetzt wirklich erzählen?, habe ich die ganze letzte Woche die Handhabung fleißig geübt. Also das Arschabwaschen mit der linken Hand. Und ich muss sagen: Wenn man so’n richtiges dafür designtes Klo unter sich hat und nicht jedes Mal mit runtergelassener Hose vom Western-Style-Thron in die Badewanne stolpern muss, um mit der Brause zu hantieren, dann macht so’n Klogang echt richtig Laune! Also mir gefällt das gut, muss ich sagen. Trotzdem hab ich das dezent in die wand integrierte Klopapier danach doch benutzt, weil ich immer noch nicht verstanden habe, ob man dann echt mit klatschnassem Arsch durch die Gegend rennt – dann ist die Hose doch bestimmt ganz nass davon und man sieht jedem mit nasser Hose an, dass er gerade kacken war. Oder denke ich schon wieder zuviel nach?

Anyway. Hier bin ich nun am Gate B30, habe erst 2 Minuten der kostenlosen 60 Minuten WLAN verbrutzelt (ist Dubai so reich, weil es knauserig ist?), schwanke vor Müdigkeit, verdurste nebenbei (schonmal versucht, nur mit der rechten Hand Wasser aus einem Wasserhahn zu schöpfen?) und bin gespannt, ob ich gleich im Flieger wirklich mein veganes Menü bekomme. Übrigens kann ich es immer noch nicht fassen, dass ich gleich nach Indien fliege. Dass ich in Dubai bin, schön und gut, das ist bei mir angekommen. Dass ich gerade 7000 Kilometer von dort entfernt bin, was ich manchmal „Zuhause“ nenne, hab ich nur so halb realisiert. Auch, dass ich noch nie so weit von meinem Dunstkreis entfernt war, wie jetzt gerade. Dass ich morgen im Sadhana Forest ankomme, ist noch zu weit weg für mein Verständnis. Ich fühle mich so unglaublich neben der Spur. Es ist 22:11 Uhr in Deutschland, 01:11 Uhr in Dubai. Ich bin müde.

03.02.16, 10:11 h (Ortszeit)

Der Flug von Dubai ist unspektakulär, erwähnenswert jedoch ist, dass ich endlich etwas zu essen bekomme. Das vegane Frühstück: ein kleines Ciabiattabrötchen, Margarine, Erdbeermarmelade, eine Handvoll Obst und eine Schale mit warmen süßen Zeugs, das lecker schmeckt. Ich sitze neben einem netten britischem Paar, das mich nicht stört und das mir seinen Schreiber leiht, damit ich genau wie sie irgendwelchen Formularscheiß für die Einreise ausfüllen kann. Irgendwann sagt der Pilot, dass es in Chennai halb acht Uhr morgens ist. Der britische Mann zieht die Rolläden hoch und plötzlich scheint die Sonne herein. Nach all dem Gedümpel ist es plötzlich morgens geworden. Kurz vor der Landung in Chennai nicke ich kurz ein, aber nur wenige Minuten.

Der Flughafen Chennai schlägt den Flughafen Dubai um Längen! Er ist nicht protzig, dafür ist er vollgestopft mit Buddhafiguren und Topfpflanzen. Ich gehe aufs Klo und stelle mich anschließend brav in die lange Warteschlange zur Einreise. Es geht alles glatt; ich bekomme einen Visumstempel und bin drin in dem Land, das ich seit 15 Jahren besuchen wollte. Nächste Quest: Geld. Ich finde keinen ATM, nur Wechselstuben. Ein Mann weist mir den Weg zum nächsten Geldautomaten; ich soll links gehen und dann irgendwo in den ersten Stock (oder den zweiten?). Ich gehe durch die Tür und komme mir vor wie ein Filmstar. Hinter einer Absperrung drängeln sich hunderte von Menschen, die mich anglotzen. Einige halten Schilder hoch. Mein Name ist nicht dabei. Aber ich muss ja eh noch Geld holen. Auf dem Weg zum ersten Stock erblicke ich dann doch ein Schild mit meinem Namen darauf in der Menge: Alex – Sadhana Forest. „That’s me“, sage ich und zeige auf das Schild.

„That’s you?“, fragt der Mann und zeigt auf das Schild. Das ist er also, mein Taxifahrer Arumugam, mit dem ich vorab schon Mails ausgetauscht habe. Ich erkläre ihm, dass ich noch Geld holen müsse. Er geleitet mich weg von der Menschenmenge, und ich bin in Indien! Es ist heiß und staubig, und chaotisch. Er führt mich zu seinem Taxi, ich werfe meinen Rucksack, meine Umhängetasche und schließlich mich selbst auf den Rücksitz. Dann erkläre ich nochmal, dass ich noch kein Geld habe. Aus den unverständlichen Lauten, die er von sich gibt, schließe ich, dass Arumugam mich zu einem ATM fahren wird. Okay, von mir aus. Los geht’s. Der Straßenverkehr ist wirklich unglaublich. Ich weiß, dass das das erste ist, was Leute sagen, wenn sie sie von Indien erzählen, dass der Straßenverkehr einfach unglaublich ist. Glaubt mir: er ist unglaublich. Dass der Straßenrand nicht von Leichen gepflastert ist, wundert mich. Der Lärm ist ohrenbetäubend und nervenaufreibend. Jeder fährt irgendwie irgendwo rum; egal ob da noch andere Leute fahren oder nicht. Sie heizen sich alle gegenseitig um und weichen sich alle gegenseitig aus, und dabei wird durchgehend gehupt. Es ist zu aufregend für mich, ich bin so erschöpft und müde. An Schlaf ist nicht zu denken. Und ich muss ja noch Geld besorgen. Bald hält der Wagen an einer staubigen Straße. Ich probiere den Geldautomaten und es passiert das, was ich schon befürchtet hatte: Meine Bankkarte funktioniert nicht. Sie hat das verfluchte Vpay-Zeichen, und ich habe gelesen, dass die Vpay-Karten nicht funktionieren. Jedes kleinste Detail habe ich mir für die Reise organisiert, aber ich habe nicht dran gedacht, meine verdammte Bankkarte mal eines Blickes zu würdigen. Fuck fuck fuck!! Ich probiere den Geldautomaten direkt nebenan, von einer anderen Bank, aber wieder nichts. Meine angebotenen Euros möchte Arumugam nicht haben. Er sagt, dass wir zu einer Bank fahren. Ich bin verzweifelt, weiß ich doch, dass ich auch dort kein Geld bekommen kann. Aber das sage ich nicht laut. Überhaupt ist mein Fahrer sehr wortkarg und antwortet entweder unverständlich oder gar nicht, wenn ich was sage. Dafür macht er das, was man als „geräuschvoll die Nase hochziehen“ bezeichnet, um dann mit einem herzhaften „Chhhrrrrrruargr“ den hochgezogenen Rotzklotz in den Mund und von da aus dem Fenster zu befördern. Es ist eklig. Ich fühle mich wie ein westlicher Schnösel.

Eindrücke prasseln auf mich ein. Eine Frau sitzt haarekämmend auf dem Gehweg. Ein Mann geht zähneputzend die Straße entlang. Zwei Frauen führen zwei kleine Ziegen an der Leine. Straßenhunde laufen frei herum. Und die Kühe. Magere Kühe mit bunten schäbigen Hörnern bevölkern die Straßen. Sie liegen einfach auf der Bundesstraße herum. Und die Leute fahren hupend um sie herum, sie sind ja heilig (und müssen trotzdem von Müll leben). Müll ist omnipräsent. Er säumt die Straßen. Erliegt vor und hinter den Häusern. Noch nie habe ich so viel Müll gesehen. Er ist überall. Arumugam fährt wie von Sinnen, durchweg hupend überholt er die schleichenden kleinen Autorickschas, hält dabei genau auf den Gegenverkehr zu, hupt auch diesen aggressiv an und zieht in letzter Sekunde wieder auf die linke Spur zurück. Ich klammere mich an den Sitz. Werde ich lebend ankommend? Offensichtlich schon, wie du siehst.

Wir halten an einer Bank. Ich möchte meine 70 Euro umtauschen, die ich sicherheitshalber mitgebracht habe. Die Bank ist vollgestopft und ein uniformierter Mann fragt mich, was ich möchte. Ausländisches Geld abheben, sage ich. Er führt mich an den Dutzenden Wartenden vorbei in ein Büro zu einem Mann. Vor diesem wiederhole ich mein Anliegen. Er sagt mir, dass meine Geldkarte hier nicht funktioniert. Seufz. Dann möchte ich Euroscheine in Rupien tauschen, sage ich. Er erwidert, dass die das in dieser Bank nicht machen. Nur in der Hauptfiliale in Pondycherry, und dann sagt er noch, dass ich zur Bank in Auroville gehen soll. Was denn nun? Ich gehe zurück zu meinem Fahrer und sage ihm das mit Pondycherry. Wir fahren weiter, aber er hält zwei Mal bei einer Horde Menschen an, die am Straßenrand sitzen und Fische verkaufen, die schon länger tot sind und schon länger in der prallen Sonne liegen. Die Tüte mit den toten Fischen verstaut er im brütendheißen Kofferraum. Ich kriege fast das Kotzen. Und ich will doch endlich ankommen. Einfach nur ankommen, meine Ruhe haben, schlafen. Ich bin so müde und voll neben der Spur. Wir setzen unsere Kamikazefahrt fort. Ich sehe mein erstes Reisfeld. Noch eins. Und Unmengen von Palmen, sooo viele! Irgendwann geht mir auf, dass es sich dabei um Kokosnussplantagen handeln muss. Und Kokosnüsse: alle paar Meter werden sie feilgeboten. Große Berge aus Kokosnussschalen türmen sich überall auf. So interessant das alles ist, aber ich möchte die Fahrt echt gerne hinter mir haben.

Dann passiert etwas völlig Unvorhergesehenes: Arumugams Handy klingelt. Er geht ran, sagt kurz etwas, hält es mir dann hin und sagt, dass es für mich ist. Dafuq?!? Ich melde mich.

„Hello, this is Arumugam. I am your taxi driver.“

Äh. Wie bitte? Er wiederholt es viele Male: er ist mein Taxifahrer. Gefolgt von unverständlichen Textwellen, die ich nicht verstehe. Ich habe keine Ahnung, warum er mich sprechen wollte. Schlimmer noch, ich weiß nicht, zu wem ich da vorhin ins Auto gestiegen bin.

„Are you going to Sadhana Forest?“, fragt mich der Telefon-Arumugam.

„Yyyy…eeessss?!?“, rate ich. Hoffe ich.

Okay. Er klingt zufrieden.

Was zur Hölle ist hier los? Ich bin restlos überfordert. Ich frage den Mann hinterm Steuer, was der Mann am Telefon wollte. Keine Antwort. Mir wird etwas mulmig. Ich versuche optimistisch zu bleiben. Immerhin nähern wir uns Pondycherry. Der unbekannte Taxifahrer sagt, dass wir zur

Bank in Auroville fahren. Ich stimme zu und versuche mich nicht darüber zu wundern, wieso er das vorschlägt, weil ich ja gesagt habe, dass wir zur Bank in Pondycherry müssen. Aber ich will endlich ankommen. In Auroville, im Sadhana Forest. Und genau dorthin fährt er mich dann auch. Ohne Umweg über irgendeine Bank. Liefert mich einfach am Sadhana Forest ab und plötzlich bin ich da. Ein Mann erwartet mich: der richtige Arumugam. Er nimmt meinen Rucksack, ich fange nochmal vom Geld an, aber ich bin zu sehr neben der Spur, um irgendwas Sinnvolles zu organisieren. Ich bin seit 27 Stunden wach. Er bringt mich zur Haupthütte. Die Haupthütte! Es ist ganz unwirklich für mich, plötzlich in diesem Ort zu sein, den ich auf so vielen Fotos und in so vielen Videos gesehen habe. Der große Raum ist voller Menschen, die gerade essen. Es ist 13 Uhr. Lunch! Jemand führt mich in den Raum und brüllt: „We’ve got a new volunteer! What’s your name?“

Alex.

„Alex, welcome!“, schallt es mir von der community entgegen. Ich will doch einfach nur ankommen, ein Bett haben, schlafen, ankommen. Stattdessen drückt mir jemand einen Blechteller mit Essen in die Hand, ich setze mich mit in den großen Menschenkreis und esse. Eigentlich müsste ich ja jetzt sofort anfangen, mit Leuten zu reden. Ich setze mich da manchmal selbst unter Druck. Aber ich kann nicht. Ich bin zu fertig. Das Letzte, was ich will, ist, an diesem fremden Ort mit diesen vielen fremden Menschen zu sein und völlig übermüdet, in Panik wegen der überflüssigen Bankkarte und durch den Kulturschock überfordert einen guten Eindruck machen zu müssen. Außerdem muss ich seit Stunden sehr sehr dringend aufs Klo. Das wäre tatsächlich lieber meine erste Maßnahme. Aber ich muss erstmal essen, Teil des Menschenkreises bleiben, und gucken, wie das alles hier funktioniert. Da hab ich gerade voll keinen Nerv drauf.

Nach dem Essen wird mir gezeigt, wo ich meinen Blechnapf und Löffel abwaschen kann, das muss man nämlich selber machen. Dann lerne ich eine Australierin kennen, Jules, die kurz vorher mit dem Taxi hier angekommen ist, und zwar vom echten Arumugam höchstpersönlich hergefahren. Jules und ich werden ins Büro beordert, um den papierkram zu erldigen und zu bezahlen. Tja, bezahlen. Ich schildere meine Situation, und man ist not amused. Ohne Geld kein Bett. Das Mädel, das den Bürokram macht, geht weg und fragt jemanden, was nun zu tun ist. Als sie wiederkommt, sagt sie mir, dass ich das Geld auf ein französisches Bankkonto überweisen kann. Heute Abend soll ich die und die aufsuchen und fragen. Das erleichtert mich etwas. Nach dem strikten Papierkram (mit Unterschrift meinerseits, mich für die Dauer meines Aufenthaltes zu benehmen, d.h. vegan zu leben, keine Drogen, Alkohol, Zigaretten, Koffein zu konsumieren – also alles, was ich sowieso schon tue.) bekommen Jules und ich eine Führung und ich lerne das Areal kennen. Es wäre sehr beeindruckend, wäre ich nicht seit 27 Stunden wach und müsste ich nicht dringend aufs Klo. Dann bekomme ich endlich ein Bett in der Schlafhütte zugewiesen und habe die Gelegenheit, die dringend benötigte Örtlichkeit aufzusuchen. Danach geht’s mir etwas besser. Jules und ich holen eine Matratze für mein Bett; ich ziehe mein bettlaken darauf, richte mein Bett her und hänge mein Moskitonetz auf. Weshalb ich ein Moskitonetz und eine Isomatte mitbringen sollte, ist mir schleierhaft. Netze und Matratzen sind massig vorhanden. Jetzt gerade fehlt mir auch irgendwie die Erinnerung daran, was gestern bis zum Abendessen passiert ist. Zum Schlafen kam ich jedenfalls nicht. Und nach dem Abendessen, so erfahre ich, wird es einen „vegan talk“ geben, an dem man teilnehmen kann, wenn man möchte. Überhaupt ist jeden Abend irgendein Event in der main hut. Vorher wird mir gesagt, dass ich morgen die Bankverbindung für die Überweisung bekomme. Der vegane talk ist sehr interessant, obwohl ich nichts Neues lerne. Aber es ist schön, dass Karen so souverän und freundlich auf alle Fragen und Gegenargumente eingeht, dafür bewundere ich sie! Die Teilnehmenden sind sehr interessiert und offen, teilweise auch schockiert ob der schlimmen Fakten, die sie erfahren. Um neun Uhr abends ist die Veranstaltung vorbei. Bettzeit! Endlich!

Ich falle ins Bett. Lausche den fremden Geräuschen. Von Tieren, die ich wahrscheinlich noch nie gesehen habe oder denen ich keine Laute zuordnen kann. Mitten im Südindischen Tropenwald in einer aus Holz und Blättern geflochtenen riesigen zweistöckigen Hütte. Es ist stockdunkel. Meine Bettnachbarin schläft schon. Ich habe keine Ahnung, mit wem ich mir diesen kleinen, nur durch große Tücher abgetrennten Raum teile. Es ist mir auch egal. Völlig erschöpft schlafe ich ein.

Tippfehler werde ich im Nachhinein ausmerzen. Ich bin momentan immer etwas unter Zeitdruck, wenn ich meine electronic devices benutze, da hier nur begrenzt Strom zum Aufladen zur Verfügung steht.

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