Sadhana Forest, Part IV — Die erste Woche

Mittwoch, 03.02.16

Morgens um halb sechs ist es noch rabenschwarze Nacht. Auf dem Boden sind überall Glühwürmchen verstreut. Das erste Seva (= self service, also Arbeitseinheit) ist für mich Waldarbeit: im Wald werden Gräben ausgehoben und mit Holzstämmen ausgelegt. Außerdem karren wir Kompost, Laub, Zweige und Äste heran und schichten alles in der selben Reihenfolge wie bei einem Hochbeet auf, bloß eben auf großer Fläche und nicht hügelförmig, um den Boden mit Nährstoffen und Mulch anzureichern.

Nach dem Mittagessen entscheide ich mich für Gartenarbeit. Jules und ich melden uns gehorsamst zum Bambushacken. Wir bekommen Macheten in die Hände gedrückt und machen uns über einen riesigen Stapel Bambus her. Ich hatte mir ja diese fieseligen dünnen Bambusstäbchen vorgestellt, die auch bei mir im Garten wachsen. Ich hätte mir lieber den mächtigen Bambusstrauch ins Gedächtnis rufen sollen, den David und ich in Portugal entdeckten. Jedenfalls kommen wir mit unseren Macheten ganz schön ins Schwitzen. Nach einiger Zeit tauschen wir mit zwei anderen GärtnerInnen und buddeln stattdessen Pflanzlöcher und hacken krautiges Gesträuch klein.

Donnerstag., 04.02.16

Heute wird es ein spannender Tag werden – wir wollen nach Auroville! Doch erst ist Arbeiten angesagt. Im Wald schleppe ich kompostierte Scheiße zu den Pflanzlöchern, die die anderen in der Zwischenzeit ausheben. Dazu kommt außerdem der rote ausgelaugte Sandboden, der hier nach jahrhundertelanger Bodenausbeutung übrig blieb, sowie mit Urin getränkte Holzasche, die in der Trockenzeit Nährstoffe abgibt und während der Regenzeit Nährstoffe aufnimmt. Dann werde ich zum Holzsammeln für die Küche ins Unterholz geschickt. Ich genieße die Zeit im Wald sehr, denn erstens ist es dort schattig und zweitens liebe ich die Landschaft. Drittens darf ich draußen arbeiten, das muss ich wohl nicht weiter erklären. Was mir auffällt, ist, dass mir auffällt, dass im Unterholz gar kein Müll herumliegt. Irgendwie traurig, dass mir gewahr wird, dass ich mich darüber wundere. In Deutschland wäre ich beim Holzsammeln garantiert schon auf Müll gestoßen, und seien es nur kleine Fitzel.

Das Mittagessen und somit der Feierabend rückt näher. Jules ordert uns eine Rikscha und zu viert quetschen wir uns in das lustige kleine gelbe Vehikel – Jules, Aniruddh und ich hinten und Yuki vorne neben den Fahrer. Für uns Mädels ist es die erste Rikschafahrt, die wir gebührend abfeiern, und Aniruddh amüsiert sich über uns, denn er ist Inder, lebt in Delhi und der Trubel des Straßenverkehrs gehört für ihn zum Alltag.

Auroville ist nicht so, wie man es sich vorstellt. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Keine mantrasingende um Lagerfeuer tanzende Althippiegemeinschaft in selbstgebauten Earthships, leider. Die Straßen sind rote Sandwege, gesäumt mit Müll und schäbigen Hütten, bevölkert von Ziegen, Rindern, Straßenhunden und Menschen. Mittendrin taucht das Visitor Center aus der Vegetation auf, drängt sich in den Vordergrund und beansprucht schließlich die volle Aufmerksamkeit aller. Wir sind da. Wie geleckt sieht es aus, aber das ist auch kein Wunder, denn hierhin werden alle Touristen und BesucherInnen sofort geschickt, wenn sie nach Auroville kommen. Es gibt diverse hübsche Gebäude, Treppchen, Terrassen, Boutiquen und einen Teich. Im Visitor Center gibt es natürlich Unmengen Zeug zu kaufen. Ich nehme zwei Postkarten; eine für meine Sammlung, eine für Davids Mum. Wir vier betreten den Filmsaal und ziehen uns den Werbefilm über den Matrimandir rein, das Wahrzeichen der Stadt, ein überdimensionales kugelförmiges goldfarbenes Gebilde aus den Siebzigern, das aber einige Jahrzehnte lang gebaut wurde. Innen drin ist – Trommelwirbel! – „der Kristall“! Angeblich der größte der Welt. Die im Film verlautbarten Botschaften genieße ich mit etwas Vorsicht. Mir scheint dieses Gurugetue und Menschenverehre immer noch nicht ganz geheuer. Also ist ja toll, wenn da so Leute eine Stadt aus dem Boden stampfen, aber dass dann noch Jahrzehnte nach deren Tod irgendwelche Leute den Aussagen so blindlings folgen, ist mir nicht ganz geheuer.

Anyway, das Filmchen berechtigt uns nun dazu, einen Pass zu bekommen, mit dem wir zum – oho! – Aussichtspunkt gehen dürfen. Ein Aussichtspunkt, ein Aussichtspunkt! Ich fühle mich mächtig wichtig und privilegiert. Aber ich muss zugeben, dass der Weg dorthin wirklich sehr sehr schön und lohnenswert ist. Man latscht einen etwa einen Kilometer langen schattigen Waldweg entlang, teilweise überdacht mit Pergolen, und aufgepeppt mit Steintafeln, auf denen schlaue Sprüche der Obergurufrau, The Mother, stehen. Ich fotografiere jeden einzelnen und bei einigen Sprüchen geraten wir sogar ins Diskutieren. Wir erreichten den Banyan Tree. Beeindruckend!! Ein gigantischer Ficus, sehr sehr alt, mit unzähligen Luftwurzeln, die im Laufe der Zeit zu eigenen Baumstämmen wurden und den Mutterbaum ernähren. Hier finden hin und wieder Events statt; das nächste am 28. Februar.

Als schließlich der Matrimandir am Horizont aufgeht wie die billige blecherne Imitation einer hässlichen Sonne, fühle ich mich seltsam. Es ist so unwirklich, schon wieder. Ich habe so viele Fotos von diesem Konstrukt gesehen und Videos darüber angeschaut, und nun rückt es tatsächlich in mein Blickfeld, ist tatsächlich da, hat meinen Lebensweg gekreuzt. Wir vier albern herum und machen Selfies, obwohl Schilder uns zur Stille ermahnen.

matrimandir-view

Am Aussichtspunkt angekommen machen wir, wie es sich gehört, noch mehr Fotos und lesen brav die Infotafeln. Ich glaube, so richtig realisiere ich dieses Monsterteil erst, wenn ich drin bin. Aber das geht heute nicht; man muss sich vorher persönlich dafür anmelden und im Visitor Center um eine Audienz beim Kristall bitten. Nach einiger Zeit gehen wir den Weg zurück. Am Visitor Center entdecken wir unseren Rikschafahrer, der die ganze Zeit auf uns gewartet hat. Scheint hier so üblich zu sein, dass die stundenlang warten, wenn sie wissen, dass man später noch woanders hinmöchte. Immerhin bekommen sie ja umgerechnet drei Euro dafür oder so. Der ganze Konsumkram hat schon geschlossen, und weil es heute im Sadhana Forest kein Abendessen gibt wie jeden Donnerstag, fahren wir zur Koot Root zu einem Restaurant namens New Sun Rise, das häufiger von der Sadhanacommunity aufgesucht wird. Wir halten an einem ranzigen Imbiss, der The New Sun Rise heißt. Ziemlich seltsam. Wir gehen rein. Ist das der richtige Ort? Wir setzen uns. Der Kellner kennt das Wort „vegan“ nicht, erst nach einigem Erklären versteht er, was wir wollen. Als der Begriff „Sadhana Forest“ fällt, scheint er zu kapieren, und empfiehlt uns etwas zu essen. Den Namen habe ich gerade vergessen, aber es ist ein Gericht aus flachem Brot mit Kokosdip dazu, schmeckt sehr gut und kostet nur 10 Rupien, also 13 Cent. Wir treffen andere Sadhanaleute und essen zusammen. Es ist also tatsächlich das richtige Restaurant. Einige der anderen bestellen sich Körperteile eines toten Huhns, und das trübt mir die Freude über den bis dato schönen Tag gewaltig. Obwohl ich mir gerade einen mit Zwiebeln gefüllten Riesendosa mit Jules teile, höre ich auf zu essen, als die Leiche auf den Tisch gestellt wird. Ich bin sauer, einmal wegen des Mordes und der Ignoranz (wie immer) und zum anderen, weil jeder und jede, der im Sadhana Forest einzieht, einen Vertrag unterschreibt und sich verpflichtet, für die Dauer des mehrwöchigen Aufenthaltes vegan zu leben, egal ob außerhalb oder innerhalb der Community. Ich finde es extrem scheiße, dass das einfach missachtet wird, und dass andere dafür mit ihrem Leben bezahlen müssen. Etwas traurig steige ich in die Rikscha ein; wir fahren zurück zum Sadhana Forest. Dort angekommen tauschen wir fleißig Mailadressen und Whatsapp-Accounts aus, um uns gegenseitig unsere Fotos von diesem ansonsten sehr aufregenden Tag zu schicken. Das hebt meine Laune wieder und etwas ausgeglichener gehe ich schließlich zu Bett.

Freitag, 05.05.2016

Es passieren so viele Dinge, dass ich gar nicht mit dem Schreiben hinterherkomme. Heute Morgen wurden wieder alle sanft von Gitarrenklängen geweckt, und im Stockdunkeln zog ich mich wie immer an, tappte wie immer zum Klo, wieder zurück zum Schlafsaal und bereitete mich auf den Morning Circle vor. Inzwischen trödle ich morgens nicht mehr so viel, sodass ich rechtzeitig da bin, um mit den ersten Anwesenden um Punkt sechs Uhr laut „Morning Circle!“ zu rufen. Nach zehn Minuten mit Dehn- und Yogaübungen erfolgt dann der „Sadhana Stretch“: Arme ausbreiten und seine Nachbarn umarmen. Alle rennen durcheinander, man umarmt jeden und wünscht jedem einen guten Morgen. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Es ist interessant zu spüren, auf welch unterschiedliche Art und Weise man von den verschiedenen Menschen umarmt wird. Manchmal sanft, manchmal herzhaft, manchmal richtig liebevoll. Ich genieße das immer sehr und gebe meine Umarmung gerne an jeden einzelnen. Nach dem hugging erfolgt die Aufgabenverteilung. Heute ist „Deep Clean“, also Komplettreinigung, und ich entscheide mich für die main hut. Zusammen mit Kim und Anurak fegen wir alle Räumlichkeiten der Haupthütte – Hauptraum, Internetzone, Flur, Eingangsbereich und den hinteren Bereich, in dem die Yogamatten und Musikinstrumente liegen und sich die Telefone befinden –, klopfen alle Kissen aus und fegen auch etwas an der Decke herum. Das ist der Zeitpunkt für die riesige zebrafarbene Spinne in dem schönen Netz, ihren Wohnort zu wechseln. Anurak ist mutig genug, sie auf den Boden zu fegen. Er erklärt, dass nur die kleinen Spinnen problematisch sind und die großen ungiftig. Die Spinne fällt auf den Boden und wir fotografieren sie erstmal eine Weile, dann scheuchen wir sie nach draußen. Die Hütte muss schön aussehen, weil heute Eco Film Night ist, wie jeden Freitag.

Während des Frühstücks geht jemand herum und verteilt die Aufgaben für den Vormittag. Ich wähle „Bees and Termites“, weil ich erfahren möchte, was da gemacht werden muss. Des Rätsels Lösung: Unser Trupp bekommt einen Riegel Harz und einen weiteren aus Epoxidharz und wird in die Bücherei-Schrägstrich-Umsonstladen geschickt. Dort sollen wir alle Holzbalken auf Löcher von Wespen (oder sind es Bienen?) untersuchen, die dort ihre Eier ablegen. Die Löcher kleben wir dann mit dem Harz-Epoxidharz-Gemisch zu. Nach einigen Minuten ist das Zeug steinhart und die Hütte gerettet. Theo, Miriam und ich haben nicht wirklich Lust zu arbeiten, weil es warm ist und wir alle etwas müde sind. Wir lassen es also langsam angehen. Nach dieser Hütte wechseln wir zu einer der Longtermer-Hütten, in der die Leute wohnen, die länger im Sadhana Forest bleiben als sechs Monate. Danach beschließen wir, uns um eine schönere Hütte zu kümmern, und besuchen die meditation hut. Das ist eine etwas abseits gelegene Jurte im Wald, mit einem kreisrunden Loch im Dach, durch das das Sonnenlicht auf die großen Tücher und Meditationskissen fällt. Es ist wunderschön dort. Im Dach entdecke ich eine riesige grasgrüne Eidechse. Sie raschelt leise an mir vorbei und sieht mir zu, wie ich die Löcher zuklebe. Inzwischen ist es zehn nach zwölf, und obwohl wir eigentlich bis halb eins arbeiten müssten, lassen wir es für heute gut sein. Nach dem Mittagessen ist Feierabend und außerdem Wochenende. Bloß an der Sadhana-Forest-Tour soll ich als Neuling teilnehmen, das ist obligatorisch. Hätte ich aber eh machen wollen. Die Tour ist für alle Neuen und alle BesucherInnen, die heute aus Auroville hergefahren werden. Wir werden daran erinnert, dass auch Einheimische kommen, d.h. wir sollen darauf achten, was wir anziehen. Keine schulterfreien Tops, und nur Röcke oder Hosen, die bis über die Knie reichen. Die männlichen Teilnehmer dürfen nicht mit freiem Oberkörper rumlaufen.

papaya treeVon mittags bis 16:30 Uhr habe ich also frei. Eigentlich möchte ich meine Wäsche waschen, aber alle Wäscheleinen sind belegt. Dann fotografiere ich ein bisschen die Papayapalmen neben meinem Schlafplatz, schreibe eine Postkarte an Marina, um sie neidisch zu machen, weil sie schon seit 40 Jahren hier nach Auroville kommen möchte, und will dann endlich mal ein bisschen lesen oder bloggen (so lange, bis der Akku leer ist, denn heute bekommen wir keinen Strom zum Aufladen). Auf dem Weg zwischen Schlafsaal und Interneträumen (mein Lieblingsaufenthaltsort!) treffe ich Tobi, der mich fragt, ob ich ihn eventuell am Küchendienst ablösen könnte, da er sich nicht wohlfühlt. Vegan kochen für 200 Personen? Na klar möchte ich! Zusammen mit einem Haufen anderer Leute verbringe ich die nächsten drei Stunden mit dem Kleinschnibbeln von Tomaten, Gurken, Rettich, Ananas und Kokosnüssen und einem Gemüse, dessen Name ausgesprochen wird wie „Chow Chow“ oder „ciao ciao“. Etwas Interessantes passiert, das ich noch nie erlebt habe: Als ich jemanden frage, ob er auch vegan lebt, fühlt sich eine andere unvegane Person dadurch angegriffen und lässt einen Stapel Rechtfertigungen fallen. Das ist immer das Stichwort für mich, aus gewissen Gründen den Raum zu verlassen. Doch heute muss ich bleiben und gebe nur wenig Kontra. Ein anderer Veganer widerlegt die Argumente und das Unglaubliche passiert: Nicht die Veganer wechseln plötzlich das Thema, sondern die Nichtveganer! Wow! Jeder vegan lebende Mensch kann wahrscheinlich nachvollziehen, wie ungewöhnlich sich das für mich anfühlt.

Zwischendurch erscheint die Horde BesucherInnen, die die Tour durchs Areal mitmachen. Sie bleiben vor der Küche stehen und machen Fotos von uns.

Nach dem Küchendienst gammle ich in der main hut herum und warte auf den Beginn des Films. Die Hütte ist gerammelt voll. Nach einem kurzen Stromausfall fängt ein Trailer über Sadhana Forest an. Scheiße, denke ich, das ist der Film, bei dem ich zu Hause so heulen musste. Ich schaffe es, diesmal nicht zu heulen. Der Hauptfilm heißt „Bears“ und dokumentiert das erste Jahr einer Mutter mit zwei Kindern, die von ihrem Winterquartier in den Bergen ins Tal zieht, um Lachse zu fangen und sich Winterspeck für den nächsten Winter anzufressen. Im Anschluss gibt es Abendessen für alle BesucherInnen und volunteers. Ich unterhalte mich mit einigen BesucherInnen und sie bedanken sich bei mir für die Arbeit, die ich hier mache. Das ist ein schönes Feedback.

Samstag, 07.02.2016

Um Punkt sieben Uhr morgens weckt mich ein Pfau, der in der Nähe meines Bettes lauthals herumkrakeelt. Wecken mit Stil! Ich danke dem Pfau, denn so ist es mir möglich, um halb acht am Yoga teilzunehmen. Meine letzte Yogastunde ist schon einige Jahre her. Wie ungelenk ich bin! Während einer Übung sollen wir uns auf unseren wirklich wahren innigen Wunsch konzentrieren. Ich muss nicht lange suchen, da ist er auch schon: „Ich möchte glücklich sein!“ Mir wird aber schlagartig bewusst, dass das ein schlechter inniger Wunsch für mich ist. Er impliziert, dass ich den Rest meines Lebens auf der Suche nach dem großen Glück bin. Also modifiziere ich ihn: „Ich bin jetzt glücklich!“ Und tatsächlich wird mir noch etwas bewusst: Ich bin jetzt gerade glücklich. Ich bin jetzt gerade in diesem Moment glücklich! Es ist großartig hier! Hier bin ich, 8.000 Kilometer weit weg von der geografischen Lage, die ich momentan „Zuhause“ nenne, mit ganz vielen interessanten Menschen mit vielfältigen Lebensentwürfen und Ansichten, verbiege mich in einer Yogastunde, die Mischa, eine professionelle Yogalehrerin, uns anbietet, um sein Wissen mit uns zu teilen und mit uns Yoga zu praktizieren, mitten im südindischen Tropenwald. Alles andere ist so weit entfernt. Ich habe sogar weniger Angst, beim Yoga etwas falsch zu machen und mich zu blamieren, weil ich weiß, dass es so in Ordnung ist, wie ich es kann. Und direkt nach dem Yoga wird schon das Frühstück herumgereicht und die Sonne brennt svom Himmel herunter. Das ist ein wunderbarer Abschnitt in meinem Leben!

Nach und während dem Frühstück spreche ich mit verschiedenen Leute und überlege, wie und mit wem wer nach Pondicherry, der nächsten größeren Stadt, kommt. Ich muss unbedingt dorthin und bei Western Union das Geld abholen, das David mir überwiesen hat. Eigentlich wollte ich mit Toby auf dem Motorrad mitfahren, denn ich finde, das ist eine Gelegenheit, die ich auf jeden Fall wahrnehmen muss – Motorradfahren im indischen Straßenverkehr, auch wenn einige das schlecht nachvollziehen können! Trotzdem läuft es letzten Endes darauf hinaus, dass ich mit Martin, Jules, Yuki und Antonia zur Bushaltestelle am Zolltor (toll gate) laufe und wir uns für sagenhafte fünf Rupien (0,06 Euro) pro Person Bustickets kaufen. Wir stellen uns an die Straße und winken uns einen schäbigen Bus herbei. Wir bekommen sogar Sitzplätze. Wir sind noch nicht ganz eingestiegen, da fährt der Bus auch schon weiter. Busfahren macht Spaß! Martin sagt mir, dass wir auf der Rückfahrt darauf achten sollen, einen Bus mit Endziel Tindivanam zu bekommen; der würde dann wieder an der toll gate halten. Alles klar!

Bald werden wir mitten im wühligen Busbahnhof in Pondy auf die Straße gekotzt und noch bevor wir alle ausgestiegen sind, fährt der Bus weiter. Yuki springt aus dem fahrenden Bus. Am Bürgersteig aussteigen ist doch für Pussys! Einige Sekunden später werden wir fast von einem anderen Bus überfahren. Das Abenteuer Pondy begint! Ich möchte als allererstes zu Western Union und gucke in meinem fast leeren Handy (gestern konnte man in Sadhana Forest ja keine Elektrogeräte aufladen, wie jeden Freitag), wie man wohl dahinkäme. Kurzerhand beschließen wir, mit der Rikscha zu fahren, und finden einen Fahrer, der kapiert, wohin ich möchte. Wir schaffen es sogar, den Preis etwas runterzuhandeln, auch wenn und 150 Rupien noch irre viel vorkommen. Mit dem Wissen, abgezockt zu werden und dabei dem Fahrer eine Existenz zu ermöglichen, fahren wir los. Endlich, endlich, endlich kann ich die Kohle in Empfang nehmen und allen meine Schulden zurückzahlen! Der Nachteil ist bloß, dass ich den ganzen Tag 39.000 Rupien in meiner Tasche herumschleppe und sie wie meinen Augapfel bewachen muss. Wir schlendern weiter, stöbern in einem Klamottenladen, einem weiteren Bio-Kramsladen, in dem ich mir eine Handytasche für 200 Rupien kaufe, und gehen schließlich weiter Richtung Strand, der keinen Sand hat, wenn man diesen roten trockenen Staub, aus dem der indische Kontinent zu bestehen scheint, nicht mitzählt, sondern nur grobe schwarze Felsblöcke. Die drittgrößte Gandhistatue der, äh, Welt oder Asiens oder war es Indiens? ist ziemlich groß. Allenthalben nerven Bettler, Kinder und Frauen herum, dass sie Geld haben wollen oder irgendwelchen Plastikschnickschnack verkaufen. Anscheinend bin ich der hartherzigste Mensch in unserem Kultureller-Querschnitt-Quartett (Deutschland, Australien, Japan, Amerika), denn ich habe am wenigsten Probleme damit, die Leute abzuwehren und wenig Mitleid mit ihnen zu haben. Das jahrelange tägliche Umsteigen am Hamburger Hauptbahnhof hat mich und mein eiskaltes Herz gut abgehärtet.

Wir laufen durch einen kleinen Park in der Nähe des Ashrams im französischen Viertel und suchen das Postamt, weil ich meine Postkarte an Marina abschicken möchte, aber die Mitarbeiterin am Briefmarkenschalter isst gerade eine Schale Reis. Deshalb gucken wir bei den Straßenhändlern ein bisschen die Klamotten durch und gehen zum Lunch in ein vegetarisches Restaurant, das relativ sauber aussieht. Jules, die Vegetarierin ist, möchte von mir lernen, wie man an einem fremden Ort ein veganes Gericht bestellt. Leider habe ich meinen veganen Pass vergessen, bekomme es aber auch so hin: Zuerst frage ich den Kellner, ob er den Begriff „vegan“ kennt. Nein. Dann frage ich, ob es Gerichte gibt, in denen weder Butter, Ghee, Milch, Eier noch Honig drin ist. No animal products. Ja klar, sagt er, und erklärt mir das Thali Meal. Das sind verschiedene Sorten Dipsaucen mit Reis und Chapatti. Er zeigt auf den Nebentisch. Sieh gut aus, und ich bestelle das Gericht. Jules ebenso. Yuki schließt sich uns an, und Antonia bestellt etwas anderes und eine Flasche Wasser. Bald kommen die Metallteller mit dem Bananenblatt als Unterlage. Das Kokosmilchcurrydipdingens mildert die Schärfe der anderen Dips zum Glück erheblich ab; alles in allem ist es ein superleckeres Essen! Jules ist total stolz auf sich, weil dies das erste Gericht ist, das bewusst vegan bestellt hat. Ich halte diesen denkwürdigen Augenblick fotografisch fest. Die anderen loben mich, weil ich so toll mit den Fingern essen kann. Ich selbst finde es etwas gewöhnungsbedürftig, eine handvoll lockeren Reis mit bloßen Fingern in ein Schälchen Flüssigkeit zu matschen und mir dann in den Mund zu stopfen, aber anscheinend wirke ich zivilisiert genug auf andere.

Nach dem Essen kommt die Rechnung: 819 Rupien für alles zusammen, umgerechnet etwa 11 Euro. Es dauert ca. eine halbe Stunde, bis wir ausklamüsert haben, wer wieviel bezahlt, denn jede von uns hat nur so riesige 500er- und 1000er-Banknoten. Der Kellner wartet mehr oder weniger geduldig. Ich bezahle schließlich erstmal alles mit einem Tausender; ich hab’s ja jetzt dicke! Doch der Kellner kommt zurück und sagt mir, dass der Geldschein ungültig ist. Ich wittere wieder irgendeine fiese Masche und entrüste mich darüber, dass der Schein echt ist, denn schließlich habe ich ihn hier bei der Bank bekommen. Es wird mir erklärt, dass es lediglich ein veralteter Schein ist, auf dem noch kein Datum aufgedruckt ist. Offenbar gibt es seit 2013 die Auflage, dass alle Scheine eine Jahreszahl tragen müssen. Ich kann den Schein aber bei einer Bank umtauschen. Phew. Mit einem anderen Tausender klappt der Deal dann doch. Direkt nebenan ist eine Auroboutique mit allerhand Krams. Ich zeige Jules eine schön gestaltete bestickte Karte und sie sagt „Oh cool, ich habe eine Freundin, die dieses Jahr 30 wird!“ Ich antworte: „Äh, das ist keine 30, das ist ein Om.“ Das Gelächter ist groß!

PondyMeine Postkarte an Marina werde ich nach einigem Gewarte im Postamt doch noch los, und später finde ich noch ganz nette Sandalen für 150 Rupien in der Mahatma Gandhi Road. Geld, Postkarte, Sandalen, das stand für heute auf meiner ToDo-Liste. Auch die Stromadapter für Jules und Antonia treiben wir auf. Einige Kilometer und etliche Klamottenläden später wird es langsam Zeit für die Rückkehr ins sichere Sadhananest. Um sechs ist dinner time und es ist schon halb sechs Wir bahnen uns einen Weg durch den halsbrecherischen Kamikazestraßenverkehr, fragen uns durch, stellen fest, dass wir noch zwei Kilometer zum ZOB laufen müssen, kapitulieren und schnappen uns einen Rikschatypen. Er kennt Sadhana Forest nicht, aber die toll gate, und für schlappe 500 Rupien würde er uns dorthinbringen. No, sage ich mit angepisstem Gesicht, that’s way too much. Er redet und gestikuliert. Let’s go, sage ich zu den anderen, und wir gehen langsamen Schrittes davon, Exakt einen Schritt. 400 Rupien, sagt er. Wir zögern. Nö. Jules fragt, was wir jetzt wohl machen sollen, weil es immer noch ein ziemlich hoher Preis ist. Ich sage, dass wir jetzt ein zweites Mal gehen, und er dann entweder mit dem Preis runtergeht oder wir zu einem anderen Fahrer gehen. Wir gehen. Zwei Schritte. Der Fahrer macht eine wegwerfende Handbewegung. Wir gehen weiter. Er kommt hinterher und schlägt 350 Rupien vor. Hmmm … okay. Wir quetschen uns in die Rikscha und der Typ fragt einen anderen Fahrer, wie er zum Sadhana Forest kommt. Na super, das kann ja heiter werden! Und los geht die Fahrt. An einer Kreuzung fragt uns der Fahrer, wo er langfahren muss. Ähm. Keine Ahnung?! Wir sagen ihm, dass wir zu der toll gate wollen, an der der Bus nach Tindivanam vorbeikommt. Das scheint zu helfen, er fährt weiter. Irgendwann sind wir tatsächlich an dem Zollübergang, Nach einigem Überlegen, wo wir jetzt langmüssen, bezahlen wir den Fahrer und steigen aus. Die Zollmenschen erklären uns den Weg zum Sadhana Forest. Es ist das eingetreten, vor dem wir unzählige Male gewarnt wurden: es ist bereits dunkel und wir laufen ohne männliche Begleitung die unbeleuchteten, ungesicherten, abgelegenen Sandstraßen nach Sadhana Forest. Auf dem Weg durch das Dorf fragt uns eine Einheimische, ob wir zum Sadhana Forest gehen, und schließt sich uns an. Das finde ich schön; wir geben ihr mehr Sicherheit, als wenn sie allein ginge. Vielleicht war das der Sinn meines Tagesablaufs? Dass das Schicksal es ermöglichte, exakt dann hier vorbeizukommen, als die Frau auch losgehen wollte, und sie sicher zu begleiten. Wer weiß. Leider können wir nicht sehr gut mit ihr kommunizieren, aber sie ist trotzdem sehr nett und verabschiedet sich kurz vor unserem Ziel an einer Straßenkreuzung von uns. Wohlbehalten, sicher und fröhlich kommen wir bei der main hut an, in der sogar noch einiges vom Abendessen übrig ist und darauf wartet, gegessen zu werden. Einige Leute haben sich ein bisschen Sorgen um uns gemacht, aber es ist ja alles gut. Ein aufregender Tag geht zu Ende; um viertel nach acht kuschle ich mich ins Bett.

Kurz vor Mitternacht werde ich wach. Klo. Anscheinend wurde das Essen in dem Restaurant mit ungefiltertem Wasser zubereitet. Ich hoffe, dass es mir morgen besser geht. Unter meinem Moskitonetz ist ein Moskito. Meine Sprayflasche „Anti-brumm naturel“ hält mir den lästigen Besucher aber fern. Es dauert trotzdem etwas, bis ich wieder einschlafe.

Sonntag, 07.02.2016

Heute wache ich schon um sechs auf. Ich fühle mich schwitzig, warm und meine Haut ist klebrig, aber ich bin nicht krank. Puha! Auf meiner Prioritätenliste steht zunächst einmal duschen ganz oben; als zweites wäschewaschen. Beides erledige ich noch vor dem Frühstück. Ich beschließe, den heutigen Tag ruhig angehen zu lassen, ohne Aktivitäten.

Doch beim Frühstück kommen die ersten Announcements: um zehn ist Lach-Yoga, später noch gemeinsames Mantrasingen, und abends um sieben wird die Aufgabenverteilung für die nächste Woche besprochen. Ich möchte aber lieber in der Internetzone bleiben, endlich den Laptop, das Handy und die Digicam aufladen und meine Notizen als Texte zu Papier bringen.

Es passiert so viel, ich erlebe so viel, es ist immer etwas zu tun oder es wartet eine weitere Aktivität auf Teilnahme. Ich dachte wirklich, dass ich als eher zurückgezogener ruhiger Mensch hier sehr viel Zeit allein verbringen würde. Tatsächlich bin ich aber am liebsten in der Haupthütte mit meiner Wasserflasche, meinem Elektronikzeugs oder einem Buch oder einfach so am Rumhängen und gelegentlich am Quatschen; je nachdem wer noch da ist und was macht. Heute zum Beispiel wollte eich eigentlich nur hier sitzen und schreiben, aber Zwischenzeitlich hat mir Julie ein wunderschönes Hennatattoo auf die rechte Hand gemalt.

henna

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