Sadhana Forest, Part V — Die zweite Woche

Montag, 08.02.2016

Halb sechs. Eine weitere spannende Arbeitswoche bricht an. Nach dem Morning Circle gehe ich mit einigen anderen in den Wald. Ich bin im Mulchteam. Wir pflücken die langen schlanken Äste der vielen Akazien, die sich hier invasiv vermehren und die einheimische Vegetation verdrängen. Die Blätter, Äste und Zweige schichten wir als schützende Mulchschicht und die einheimischen Bäumchen, die einst von den volunteers gepflanzt wurden. Um viertel vor acht ist eine kurze Banana Break, in der wir normalerweise Bananen essen, aber wir haben sie vergessen mitzunehmen. Also gibt’s nur Wasser in der bereits grenzwertigen Hitze. Um neun Uhr ist das Frühstück fertig. Um zehn geht es weiter. Weil es inzwischen wieder unglaublich heiß draußen ist, möchte ich lieber etwas Schattiges machen, also melde ich mich fürs Mittagessenkochen. Das macht ziemlich viel Spaß, außer zwischendurch kurz, als ein paar Leute meinten, sich (mal wieder) gegenseitig für ihren Leichenkonsum rechtfertigen zu müssen. Das macht mich ziemlich traurig; ich möchte am liebsten weggehen. Aber ich versuche durchzuhalten und vielleicht dadurch zu wachsen. Leider fühlt es sich ganz und gar nicht nach Wachstum an, wenn ich diese Ignoranz ertragen muss. Ich versuche mit diesen Personen Mitgefühl zu haben, weil sie noch ganz am Anfang ihres Weges zu einem bewussten, wertschätzenden Umgang mit unseren Mitlebewesen stehen. Ich war auch mal so. Bald wird zum Glück das Thema gewechselt.

Nach dem Essen habe ich eine schöne, sehr bereichernde Meditation in der Meditationshütte. Ich fühle mich erfüllt, zufrieden, liebevoll und dankbar. In der Bücherei-Schrägstrich-Umsonstladen mache ich es mir auf der dünnen Matratze mit meinem Buch gemütlich, während neben mir ein anderer volunteer seine Yogaübungen macht. Überhaupt stelle ich fest, dass sehr viele Leute hier Yoga machen. Es ist so friedlich hier. Die Glocke läutet alle zum Abendessen herbei und gleich im Anschluss startet um 19 Uhr der montägliche „sharing circle“. Der sharing circle ist freiwillig. Alle setzen sich in der main hut in einem großen Kreis zusammen und reihum erzählt jede und jeder, die möchte, was sie auf dem Herzen hat. Jeder hat soviel Zeit, wie dafür benötigt wird. Man wird nicht von anderen unterbrochen und es wird nicht kommentiert. Jedem wird schweigend zugehört. Wenn man mit seinem Beitrag fertig ist, sagt man „thank you“, sodass alle wissen, dass man geendet hat; dann ist der Nächste dran mit Sprechen und erzählt von seinen Gefühlen und Gedanken. Alles, was in dem sharing circle gesprochen wird, bleibt innerhalb des Kreises und wird nicht nach außen getragen. Obwohl wir sehr viele Leute in dem Kreis sind, etwa zwanzig oder dreißig, ist die Atmosphäre sehr vertrauensvoll, persönlich und liebevoll. Noch nie habe ich von so vielen Personen soviel Liebe ausgehen spüren wie innerhalb dieses Kreises. Als ich meinen Redebeitrag geendet habe, bin ich sehr sehr erleichtert. Es geht mir wirklich gut, obwohl ich gleichzeitig heulen könnte; nicht nur, weil ich gerade über meine Gefühle gesprochen habe, sondern weil ich gegenüber den Teilnehmenden, denen es gerade nicht so gut geht, ein starkes Mitgefühl verspüre. Als alle gesprochen haben, dürfen wir ergänzende Kommentare hinzufügen, aber die Stimmung ist gerade so emotional geladen, dass niemand etwas sagen möchte. Dann stehen wir auf und wer möchte, darf jemanden umarmen, wovon auch sofort sehr ausgiebig und wieder sehr liebevoll Gebrauch gemacht wird. Ich bekomme von anderen viel Zuspruch und Ermutigungen für das, was ich gesagt habe, und dann muss ich doch noch heulen. Ich fühle mich sehr viel besser und sehr erleichtert, und bin sehr dankbar, Teil dieser community sein zu dürfen. Der sharing circle dauerte ziemlich lange und ich gehe gleich danach erschöpft, aber glücklich, zu Bett.

Dienstag, 09.02.2016

Mir gefällt der heutige morning circle. Einige Leute sagen zu mir, dass ich „a very strong hug“ habe. Ich umarme doch alle so gerne! William freut sich schon seit gestern Abend auf meine Umarmung. Ich bin im ersten Seva morgens mit Theo, Marco und Karin im Breakfast Cooking Team. Nur Veganer!! Ich freue mich riesig, und es wird auch ein relaxtes Kochen in schöner Atmosphäre und netten Gesprächen. Wir machen Reisporridge mit Jaggery, Chikoo, Ananas, Kokosnuss, Ingwer und Orangen.

Und nach dem Frühstück wartet auch schon die nächste Arbeit: in der Gluthitze des zukünftigen Waldes, der in großen Teilen erst sehr spärlich sprießt, sammeln William, Agatha, Jay, Tamil und ich staubtrockenes Feuerholz für die Küche. Es ist so motherfucking hot in der prallen Sonne, aber wir machen unseren Job gut und karren viele Arme voller Äste herbei, denn vor einigen Jahren hat hier ein Zyklon gewütet (das klingt wie ein furchtbares Monster) und viele ältere Bäume entwurzelt.

Nach dem Mittagessen möchte ich eigentlich sofort die main hut fegen, aber Alex überzeugt mich, zum Schlammteich mitzukommen und lieber ins kühle Nass zu springen als zu arbeiten. Tatsächlich ist der See äußerst erfrischend und alle verpassen sich Schlammpackungen auf Haut und Haaren. Ich genieße es, zu schwimmen und mal richtig sauber zu werden, denn die Duschen hier sind ja doch etwas rudimentär (ein Eimer Wasser und ein Becher, mit dem man sich Wasser über den Körper gießt). An der Nachmittagaktivität nehme ich nicht teil, sondern ziehe es vor, mich in der Internetzone zu entspannen. Außerdem muss ich ja noch die main hut fegen. Das zu organisieren, ist übrigens schwieriger als gedacht, da täglich fast durchgängig irgendwelche Workshops angeboten werden – vom Stricken, Sport, Mantrasingen bis zum Zeichnen ist alles Mögliche dabei und man muss aufpassen, sich nicht zu übernehmen.

Heute fühle ich mich außergewöhnlich ausbalanciert und in mir ruhend. Das Leben in dieser wundervollen Gemeinschaft, die Zeit der Meditation und die große Inspiration der vielen superinteressanten Menschen hier entfaltet langsam seine Wirkung. Ich lerne, mir zuzugestehen, so sein zu dürfen, wie ich bin. Ich bin sehr glücklich.

Mittwoch, 10.02.16

Die erste Arbeitseinheit verbringe ich im Wald und gieße die vielen kleinen durstigen Bäumchen; nach dem Frühstück bin ich wieder im „Bees and Termites“-Team und stopfe Löcher in den Bambusbalken der 42 Hütten auf dem Gelände (naja, nicht in allen). Um 14 Uhr findet zum letzten Mal Karins „vegan talk“ statt, bei dem alle Teilnehmenden ihre Fragen zum Thema Veganismus stellen können. Danach verquatsche ich mich ein wenig mit Karin; wir liegen bei dem Thema anscheinend voll auf einer Wellenlänge und es ist so toll, mal wieder mit einer richtig Gleichgesinnten zu sprechen, und vor allem in der eigenen Muttersprache.

Den Nachmittag verbringe ich etwas zurückgezogen mit Meditation. Außerdem sammle ich Kieselsteine, weil Jasmin am Freitag einen Workshop macht und uns beibringt, wie man aus Schnüren und Steinen Schmuck flechten kann. Aber der Tag rast schon wieder davon und bald ist Abendessen angesagt und im Anschluss findet wieder die open stage statt.

Langsam fühle ich mich, als würde ich hier ankommen und meinen Platz finden. Leute, die nach mir im Sadhana Forest angekommen sind, fragen mich nach organisatorischen Dingen oder wo sich irgendetwas befindet, und ich kann ihnen antworten und Hilfestellung geben. Gestern beim Holzsammeln stellten wir fest, dass ich von allen Teammitgliedern am längsten dabei bin. Wie seltsam. Ich sollte mich wohl daran gewöhnen, dass ich nicht mehr der Neuling im Sadhana Forest bin. Außerdem hat mir Caro eine neue Aufgabe übertragen, weil ich so lange hierbleibe: ich bin jetzt breakfast manager. Als breakfast manager muss ich morgens um neun die Glocke zum Frühstück läuten und Leute organisieren, die aus den großen Bottichen und Schalen das Frühstück auf die Teller verteilen, sowie Freiwillige finden, die den Leuten ihre Teller bringen, und ich muss schauen, dass alle Anwesenden einen Teller bekommen und niemand leer ausgeht. Heute beim meditieren wurde mir klar, dass ich mich niemals freiwillig für diesen Job gemeldet hätte. Er beinhaltet, in diesen großen Raum voller Leute zu gehen und schreiend in die Runde zu fragen, wer noch keinen Teller hat. Ich habe mich also aus meiner Komfortzone hinausbewegt. Ich denke, dass ich den Job machen kann. Bis jetzt haben Leute mir geholfen zu rufen, weil meine Stimme manchmal irgendwie unterging. Vielleicht ändert sich das ja noch; vielleicht finde ich aber auch eine andere Lösung dafür. Es wird auf jeden Fall funktionieren.

Außerdem habe ich mir beim Meditieren versucht vorzustellen, wie es jetzt gerade in Dortmund ist. Es ist Winter und kalt und sehr windig und es regnet seit Tagen durchgängig. Wie unwirklich das für mich klingt! Jetzt bin ich hier und nicht mehr dort. Plötzlich habe ich Angst davor, dorthin zurückzukehren. Ein seltsames Gefühl! Ich merke, dass ich mich verändere und das ist gut.

Donnerstag, 11.02.16

Halb sechs. Keinen Bock. Absolut keinen Bock. Ich bin müde; ich möchte liegenbleiben und ausschlafen. Dieser Tag wird sehr anstrengend werden. Unter anderem muss ich heute mit Martin die Wege auf dem Areal pflegen und die Ränder vor dem Zuwuchern bewahren. Lustlos schnibble ich an der Vegetation herum und lege hin und wieder gerne ausgedehnte Pausen ein. Anders ist das Arbeiten bei der Hitze aber auch schlecht möglich. Ich muss lernen, kürzer zu treten; hier wird nicht kontrolliert, ob man ein bestimmtes Arbeitspensum erfüllt oder eine bestimmte Anzahl Pausen eingehalten hat. Mein einziger Lichtblick heute ist der geplante Trip nach Auroville, um den Termin für den Matrimandir zu machen. Ich möchte endlich dort hinein! Während des Mittagessens kommt aber plötzlich die Enttäuschung: ich wurde für 14 Uhr für die Zusatzschicht eingeteilt und muss „kitchen deep clean“ machen, also Grundreinigung in der Küche. Meine Proteste stoßen auf taube Ohren; ich bin schon seit Montag in dem Team, wusste es aber nicht, weil ich nicht auf den Wochenarbeitsplan geguckt habe. Also selber Schuld, dass ich den Tag anders geplant hatte. Grimmig finde ich mich also nachmittags in der Küche ein. Netterweise erbietet sich Alex, für mich die main hut sauberzumachen, sodass ich nicht auch noch diese Aufgabe übernehmen muss. Während des Putzens bin ich schlechtgelaut, und das will schon was heißen, denn ich habe es gerne sauber und mag eigentlich gerne putzen. Eine unzugängliche und extrem schmuddelige Ecke, die mir zugewiesen wurde, wird kontrolliert und mir gesagt, dass ich da nochmal putzen soll. Angeblich wird dieser Job ja jede Woche gemacht, aber bei dem Siffaufkommen bezweifle ich stark, dass andere Leute auch nur halb so gründlich arbeiten wie ich.

Der Tag findet aber doch noch einen schönen Ausklang: Endlich kommen Tobi und ich dazu, unsere geplante gemeinsame Motorradtour zu machen! Darauf habe ich mich seit Tagen gefreut! Tobi fährt, ich sitze hinter ihm, und mit atemberaubender Geschwindigkeit, etwa 40 km/h, knattern wir mit dem rostigen Gefährt zur Koot Road und gehen ins Sun Rise essen. Erwartungsgemäß trudeln bald mehr und mehr Sadhana-Forest-Leute ein und wir okkupieren den großen Tisch und den kleinen daneben. Ich glaube, das Sun Rise lebt nur davon, dass es donnerstags im Sadhana Forest kein Abendessen gibt. Ich bestelle mir zweimal Pareta (flaches fluffiges Brot mit scharfer Kokostunke), einen Samosa (mit Kichererbsen und Kartoffeln gefüllte Teigtasche) und auf Empfehlung von Isa als Dessert insgesamt vier Lados, das sind grellorangefarbene sehr zuckrige und extrem leckere Bällchen. Das Ganze kostet mich umgerechnet nur wenige Euro im einstelligen Bereich.

Tobi und ich sind als erste mit dem Essen fertig und laufen ein bisschen die Koot Road rauf und runter. Die Atmosphäre ist cool – es ist bereits dunkel, aber es herrscht reges Treiben und wie immer laut hupender Chaosverkehr auf der Straße. Wir saugen die Atmosphäre in uns auf, filmen auch ein bisschen und lassen die ganze Situation auf uns wirken. Menschen starren uns an, aber freundlich, und hoffen, dass wir etwas von ihren auf den Boden oder in den Theken ausgebreiteten Waren kaufen. Ein Junge geht an der Hand seiner Mutter an uns vorbei, mit großen Augen starrt er uns fasziniert an. Ich schenke ihm ein Lächeln. Er lächelt herzlich ein breites schönes Lächeln zurück, das mich direkt in die Seele trifft und mein Herz erfüllt. Wir haben nonverbal innerhalb einer Sekunde unsere Fremdheit überwunden und eine freundschaftliche Verbindung geschaffen, trotz möglicher kultureller und sprachlicher Barrieren.

Tobi und ich klettern wieder auf das klapprige Motorrad, fädeln uns in den unmöglichen Verkehr ein, werden dabei von gefühlt zwanzig Vehikeln gleichzeitig angehupt und knattern die Sandpisten entlang durch die Dunkelheit Richtung Heimatwald, weichen dabei Kühen und Kindern aus. Ein Straßenhund rafft sich auf und hetzt laut bellend hinter uns her, fast erreicht er mein linkes Bein, aber wir können ihn abhängen. Ein sehr cooler Trip!

Freitag, 12.02.2016

Ich wache früh auf. Die Gitarre ist spät dran. Der Wecker von irgendjemandem im Schlafsaal läuft heute länger als üblich und „Glorious“ von Andreas Johnson darf länger spielen als sonst. Ich freue mich darüber, weil ich jeden Morgen Bock habe, das Lied zuendezuhören, und ich finde es extrem cool, dass jemand hier nicht nur das Lied kennt, sondern es anscheinend so gut findet, dass es als Weckton ins Handy gespeichert wurde. Es gehört definitiv zum Soundtrack dieses Lebensabschnitts von mir, und das ist sehr toll, denn wenn ein Song mit Erinnerungen behaftet ist, kann ich mir die verknüpften Erlebnisse durch das Anhören des Songs später immer wieder ins Gedächtnis rufen und die Emotionen nochmals durchleben. I like that.

In der ersten Seva hieven wir uralte Reste des Palmenblätterdaches auf Karren und schieben diese in den Wald, damit die Biomasse als Mulchmaterial verwendet werden kann; für die zweite Schicht entscheide ich mich für lunch cooking. Ich fühle mich etwas gestresst. Endlich sind wir mit dem Mittagessenkochen fertig, als Vincent auf mich zukommt und mich fragt, ob ich heute zusätzlich den lunch manager machen kann; also das Gleiche wie morgens zum Frühstück: Leute organisieren, die das Essen austeilen und die Teller servieren und dabei den Überblick behalten, dass alle auch etwas abbekommen; von den vielen Extrawünschen ganz zu schweigen. Nein. Nein, ich mache nicht den lunch manager. Die viele Arbeit, die hier Schlag auf Schlag folgt, fängt an, an meinen Nerven zu zehren. Ich muss mehr auf mich achten und mir mehr Ruhe gönnen, also lehne ich ab.

Und eigentlich habe ich heute einen Termin für ein Interview mit Karin, die ihren veganen Blog zusätzlich um einen YouTube-Kanal erweitert und mich bat, ihr im Interview etwas über meine Lebensweise zu erzählen. Ich bitte sie darum, das Interview auf morgen zu verschieben; heute steht einfach noch zuviel an und ich brauche zwischendurch eine Verschnaufpause.

Um 15 Uhr nehme ich am Macrame-Workshop von Jasmin und Alex teil. Dort lerne ich, wie ich aus Steinen und Bindfaden Schmuck herstellen kann. Meine erste selbstgeknüpfte Kette trage ich mit Stolz; sie ist sehr schön geworden und ich freue mich darauf, es irgendwann anderen Menschen beizubringen. Zum ersten Mal habe ich hier das Gefühl, etwas gelernt zu haben. Das ist natürlich Blödsinn, weil ich hier so dermaßen viel Inspiration von allen Seiten bekomme und auch praktisch viel über das Aufforstungsprojekt lerne, aber trotzdem ist es etwas anderes für mich, ein Handwerk zu lernen und dann ein Ergebnis in der Hand zu halten, und dann noch ein wirklich passables.

Direkt nach dem Workshop muss ich die main hut für die Gäste herrichten. Heute ist Freitag und der wöchentliche Eco Film Club startet bald. Vorher bekommen die Gäste in der main hut einen kleinen Info-Input und können ihre Fragen stellen, danach erfolgt die Sadhana Forest Tour, an der ich heute auch teilnehmen muss. Letzte Woche hatte ich ja keine Zeit dafür.

Weil ich schon seit 11 Tagen hier bin, ist die Tour etwas langweilig für mich; ich halte mich eher abseits von der interessierten Menschenmasse. Manchmal erkläre ich einer Besucherin ein paar Sachen extra und sie stellt mir einige Fragen zum Projekt. Es ist so toll, wie geflasht die Besucher immer alle sind! Eine deutsche Familie geht im Pulk hinter mir und ich höre, wie der Junge seinen Eltern erläutert, was er alles macht, wenn er groß ist: In Australien einen Hügel aufschütten, da dann ein Haus reinhauen und rundherum Bäume pflanzen. Ich lächle in mich hinein. Danke, denke ich, dass du hier bist und dass es Dich gibt. Die Welt braucht Menschen wie Dich. Mindestens drei mal erzählt er, dass er sein Haus in einen Hügel hauen will. „Wie bei Minecraft“, fügt er erklärend hinzu. Seufz. Na ja, wenn ihm ein Computerspiel zur Inspiration dient, die Welt lebenswert zu machen – warum nicht.

Den Eco Film im Anschluss und das kollektive Mantrasingen danach schenke ich mir. Ich brauche Ruhe; kann nicht jede Aktivität mitmachen. Ich knüpfe lieber meine Halskette aus dem Macrame-Workshop zuende. Um neun Uhr gibt es endlich Abendessen für die Heuschrecken aus Auroville und für und Heuschrecken aus Sadhana Forest. Noch während hier halligalli und Highlife in Dosen ist, ziehe ich mich in mein bescheidenes Reich zurück und schlafe sofort ein.

Samstag, 13.02.16

Endlich Wochenende! Ausschlafen! Nicht einmal den breakfast manager muss ich heute machen, denn das habe ich für die Wochenenden an Karo abgetreten. Um sieben Uhr wache ich auf, ausgeruht und fit. In Ruhe räume ich die main hut auf, entsorge den ekligen Müll, den die Besucher zwischen die Holzplanken stopfen, anstatt die Abfalleimer zu benutzen, und richte alles fürs Frühstück her. Heute ist es ziemlich diesig und kühl draußen, ganz ungewohnt, aber schön.

Vor, während und nach dem Frühstück organisieren wir sehr sehr umständlich eine Fahrt nach Auroville. Eigentlich hatte ich ursprünglich nur Jules gefragt, ob wir zusammen hinfahren wollen, aber das bekamen dann mehr und mehr Leute spitz und fragten, ob sie mitkommen könnten. Zum Schluss hatte ich insgesamt 13 Leute zu dealen. Keiner wusste, wie wann wo das alles funktionieren sollte, und alle verwiesen sich gegenseitig auf mich, obwohl ich genausowenig wusste wie alle anderen. Schließlich riefen wir ein großes Taxi, einen Jeep, und fuhren mit 8 Personen nach Auroville: Jules, Joy, Jay, Jo, Beate, Alex, Antonia und ich.

Dort schafften wir es endlich, einen Termin für einen Besuch im Matrimandir zu vereinbaren. Ich werde also am 21. Februar endlich den Matrimandir von innen sehen! Das allerbeste: an dem Tag ist der Geburtstag von THE MOTHER. THE MOTHER ist die als heilig verehrte Obergurufrau, die Gründerin von Auroville, Mich lässt das etwas kalt, weil ich dem Aurovillekonzept und dem sektenähnlichen Verehre immer noch skeptisch gegenüberstehe, und weil es den Matrimandir sicherlich herzlich wenig schert, ob ich an diesem oder jenem Tag seine Innereien betrete, aber gut, immerhin kann ich behaupten, mit meinem Termin großes Glück gehabt zu haben. Hauptsache, ich seh den Blechball endlich von innen! Als wir durch Auroville streunen, treffen wir Iina und Tobi, die gerade im Blechball drin waren. Sie haben dadurch eine sehr faszinierende Aura, sie leuchten und glühen, wirklich. Ich möchte auch.

Ich streife mit Jules durch die Boutiquen und kaufe vegane Bio-Räucherstäbchen (135 Rs) und eine Halskette. Nebenan auf dem Marktplatz sind Stände aufgebaut und es ist brechend voll. Ich stoße zufällig auf einen Stand, in dem von einheimischen Frauen angefertigte Gegenstände feilgeboten werden, und dort sehe ich Holzlöffel. Endlich! Seit Monaten möchte ich welche haben, aber in Deutschland habe ich noch keine guten gefunden.

Mittags gehen wir in der Green’s Kitchen gleich an der Hauptstraße in der Nähe des Visitor Centers essen. Green’s Kitchen ist ein rein veganes Restaurant, das einem Deutschen gehört, und an dem auch ein Gästehaus angegliedert ist. Die Location ist wunderschön, das Essen lecker und relativ günstig. Um 14 Uhr geht es wieder zurück zum Sadhana Forest. Dort angekommen, geht es mir aufgrund eines Zwischenfalls mit zwei Personen nicht so gut, und Joy merkt das; sie nimmt mich in den Arm und ist für mich da. Wir unterhalten uns sehr lange und es tut mir sehr gut. Nachdem ich mein verheultes Gesicht gewaschen habe, verabrede ich mich mit Karin zum Interview, das dann auch wirklich gut wird und uns sehr viel Spaß macht. Sobald es online ist, verlinke ich es natürlich hier auf meinem Blog.

Für heute Abend hat sich ein Lagerfeuer am Schlammteich angekündigt. Plötzlich besitze ich eine Gitarre. Das kam so: Ich fragte William, ob er die coole Gitarre im Umsonstladen-Schrägstrich-Bücherei gesehen hätte, und er sagte ja, wolle sie aber nicht haben. Er und Jules befanden einstimmig, dass ich die Gitarre nehmen sollte, weil ich sie so hübsch finde. Zu dritt machten wir uns im Stockdunkeln auf zum Umsonstladen-Schrägstrich-Bücherei und klaubten das verstaubte Instrument aus der Ecke. Deshalb habe ich jetzt eine Gitarre. Ich nehme sie direkt mit zum Lagerfeuer. Die meisten Leute sind schon da und das Feuer brennt schon munter vor sich hin. Irgendwer beginnt, auf einer Trommel zu trommeln. Alle nehmen spontan irgendwas zur Hand – leere Wasserkanister, Stöcke, mitgebrachte Instrumente, und ich benutze die Rückseite des Gitarrenkorpus‘ – und trommeln mit. Einige Leute singen Mantras dazu. Wir sind eine riesige improvisierte Jampercussiongruppe und zwei, drei Leute tanzen dabei um das Feuer. Ja. Das hier ist eine Hippie-Community. Wenn das keine Hippie-Community ist, dann weiß ich auch nicht. Ich bin glücklich.

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