Sadhana Forest, Part VI — Die dritte Woche

Montag, 15.02.2016

Und wieder beginnt eine neue Woche. Der Tag beginnt mit einer FAQ-Runde in der main hut, in der wir alle möglichen Fragen an Harsh, einen der Longtermer, stellen können. Nach dem Frühstück geht es für mich direkt weiter mit dem Zubereiten des Mittagessens. Zwiebeln, Gemüse schnibbeln, rechtzeitig fertig werden für die hungrige Meute. Dann ist Mittagessen und auch danach ist der Arbeitstag noch nicht vorbei – main hut cleaning ist angesagt. Langsam wird es mir zuviel. Ich bin nicht mehr sehr ausbalanciert mit meinem Gemüt. Seit Tagen fühle ich mich ausgebrannt; es ist hier immer nur Arbeit Arbeit Arbeit Arbeit. Hinzu kommt noch, dass ich heute Morgen mit furchtbaren Nackenschmerzen aufgewacht bin. Mein Bett ist ziemlich durchgelegen und schrottig, und die Matratze steht dem in nichts nach.

Nachmittags geht mein Frust weiter: Ich kämpfe damit, eine schöne Macrame-Kette aus einem Stein und einer Schnur zu knüpfen, so wie ich es neulich in einem Workshop gelernt habe. Wie die Technik funktioniert, weiß ich ja, aber ich bin zu ungeschickt. Der Stein aus meiner ersten Kette ist rausgefallen und verlorengegangen, und die Kette, die ich für David machen wollte, wird auch nie richtig gut, obwohl ich den perfekten Stein dafür gefunden habe. Aber dieses Knüpfen mit all den Knoten, die auch noch gleichmäßig verteilt ein Netz bilden sollen, das den Stein umhüllt – für mich gerade unmöglich! Gerade deswegen versuche ich es verbissen jeden Tag aufs Neue. Irgendwann schaffe ich es tatsächlich zum ersten Mal, eine ansehnliche Kette mit gleichmäßigem Netz zu knüpfen, in der der Stein drinbleibt. Ich bin stolz darauf.

Beate bemerkt meinen Gemütszustand und meine Nackenschmerzen; sie bietet mir eine ayurvedische Massagetechnik an, die sie in Auroville in einer Ausbildung gelernt hat. Begeistert willige ich ein, und während in der main hut Yoga praktiziert wird, genieße ich einen Nebenraum weiter eine wohlige Massage für meinen erschöpften Körper und Geist.

Abends ist dann noch der sharing circle, also die vertrauliche Plattform, in der wir unsere Gefühle und Anliegen mit den anderen teilen können. Für mich ist der sharing circle diesmal etwas enttäuschend. Ich erzähle, dass ich mit einer Person einen kurzen Disput hatte, und leider äußert sich diese Person danach nicht dazu. Ich hätte das gerne ein für alle mal aus dem Weg geräumt, aber ich habe mir selbst beigebracht, diesem Menschen zu verzeihen. Der sharing cicle dauert bis ungefähr neun Uhr abends, dann löst er sich plötzlich auf und alle gehen. Letzte Woche konnte man sich zum Schluss umarmen und miteinander sprechen, und genau das hatte ich auch diesmal erwartet. Dieser Austausch am Schluss fehlt mir diesmal total. Ich wollte gerne einige der Teilnehmenden trösten oder ermutigen.

Dienstag, 16.02.2016

Ich fühle mich heute so traurig. Gestern sind Karin und Marco abgereist, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, und morgen wird Tobi nach Sri Lanka aufbrechen. Ich bin mir sicher, dass ich die verbleibenden anderthalb Monate hier nicht durchhalten werde. Kein Tag ist frei, jeden Tag sind unzählige Termine, Privatsphäre ist gleich Null, und ich bin von halb sechs Uhr morgens bis 21 Uhr abends durchgängig auf den Beinen ohne wirkliche Verschnaufpause. Mir tut es nicht mehr gut, hier zu sein. Es macht überhaupt keinen Spaß mehr.

Als ich wieder einmal lustlos die main hut saubermache, tauchen zwei Leute auf. Einer sagt, dass der andere für die main hut zuständig ist, sich aber nicht traut, mir das persönlich zu sagen (er steht dabei neben uns). Ich denke mir: What the fuck?

Der Main-Hut-Typ, dessen Namen ich nicht einmal kenne, weist mich auf dreckige Stellen und Spinnweben in der main hut hin. WHAT THE FUCK? Ich sage ihm, was ich darüber denke. Der Typ kann mich ma.

Ich muss hier raus. Seit Tagen haben Tobi und ich uns vorgenommen, zusammen Eis essen zu gehen, und heute ist es soweit. Tobi fragt beim Mittagessen in die Runde, wer seine abendliche Schicht fürs Abendessenkochen übernehmen könnte, und es meldet sich jemand freiwillig. Trotzdem bringt danach jemand einen dummen Spruch darüber, dass er seine Arbeit nicht machen kann, nur weil er etwas anderes zu tun hat.

Wir fahren zusammen mit dem klapprigen Motorrad los nach Kuyilappalayam. Dort gibt es ein fantastisches veganes Schokoladeneis und noch andere Sorten. Wir genießen die Ruhe und dass wir uns mal in Ruhe unterhalten können ohne den Trubel drumherum. Es ist sehr friedlich. Nach dem Eis gehen wir zu einem Tempel in der Nähe und beobachten einen Mann beim Beten. Auch die Bäckerei wollen wir abchecken, aber die hat schon geschlossen. Außerdem hat Tobi im Reisebüro noch Sachen zu regeln.

Wir rattern mit dem klapprigen Motorrad zurück Richtung Sadhana Forest. Es ist Abend, wir hatten eine oder zwei erholsame Stunden, ein wunderbares Gespräch und endlich ein bisschen die Gegend erkundet ohne Zeitdruck. Ich merke, dass ich in diesem Moment gerade glücklich bin. Als wir unter lauten Gehupe quer über die vierspurige Straße fahren, um in unseren Wüstensandweg abzubiegen, strahlt Tobi mich an und sagt: „Ist das cool oder was?“

„Kennst Du das, wenn man merkt, dass man jetzt gerade glücklich ist? Wenn man sich bewusst sagt: Jetzt gerade in diesem Moment bin ich glücklich. Das habe ich jetzt gerade. Ich würde am liebsten heulen vor Glück“, antworte ich.

„Ja, mach doch“, sagt Tobi einfach, und ich mach.

Mittwoch, 17.02.2016

Noch nie ging es mir so schlecht wie heute. Seit Anbruch des Tages bin ich traurig. Gestern kamen noch weitere abfällige Bemerkungen über unsere zweistündige Auszeit im Eiscafé, und der Film, der gestern Abend gezeigt wurde, „Cowspiracy“, ist zwar sehr gut gemacht und informativ, aber für mich als sensible Person zermürbend, obwohl ich schon alles wusste, was in dem Film vorkommt.

Ich schwänze den morning circle. Im Wald graben wir Pflanzlöcher und ein komisches großes Insekt landet auf meinem rechten Arm und beißt mich. Mein Arm brennt und tut richtig weh! Weil ich schon wieder meine Gartenhandschuhe vergessen habe, bindet sich nach einiger Zeit an meinem Zeigefinger eine Blase, die aufplatzt, dreckig wird und wehtut. Jetzt bin ich vollends eingeschränkt und kann nicht weitergraben. Alles kotzt mich an.

Meine zweite Arbeitseinheit besteht aus Mittagessenkochen. Auch hier gerate ich in Konflikt mit jemandem, weil ich meine Arbeit einfach nur beenden will und es mir scheißegal ist, wenn andere dabei zu Schaden kommen. Ich merke, wie ich Negatives anziehe und verbreite. Nicht gut.

Nach dem Mittagessen ist ein Communityforum, an dem ich teilnehme, aber ich muss es früher verlassen, um die main hut sauberzumachen, weil das später aufgrund der stattfindenden Workshops nicht möglich sein wird. Ich bin extrem gestresst und putze um die Leute, die sich fürs Communityforum zusammengefunden haben, herum. Julie und Vincent, zwei Langzeitvolunteers, bieten mir ein bisschen Papaya an und ich sage, dass ich gern welche hätte, aber putzen muss. Julie meint, dann solle ich den Besen halt mal fünf Minuten zur Seite legen. Ich sage nein, unterdrücke meine Tränen und fege verbissen weiter. Als dann noch dieser Typ auftaucht, der sich als für die main hut verantwortlich sieht, und wieder meint, mich herumkommandieren zu müssen, schmeiße ich meinen Besen hin und gehe einfach weg. Raus. Ich setze mich auf einen Stein. Julie kommt mir hinterher. Sie nimmt mich in die Arme, tröstet mich, lässt mich weinen, und hört sich dann alle meine Sorgen an. Unser Gespräch hilft mir sehr und ich fühle mich besser. Sie versteht meine Stresssituation und kümmert sich darum, dass die main hut nicht mehr zu meinem Aufgabengebiet gehört. Ich bin ihr sehr, sehr dankbar. Ich gehe in mein Bett und schlafe bis zum Abendessen.

Leute scheinen entweder meine Aura zu spüren oder aber haben alle mitbekommen, wie ich eine halbe Stunde lang heulend vor der Küche saß, jedenfalls werde ich laufend gefragt, wie es mir geht oder ob es mir besser geht. Dieses liebevolle Sorgen ist rührend; ich fühle mich gut aufgehoben. Es geht mir besser.

Heute Abend ist wieder open stage night, die ich aber sausenlasse. Das fällt mir aber schwer, wenn mir vorher Leute begeistert erzählen, was sie gleich aufführen werden. Ich klinke mich trotzdem so halb aus, verkrieche mich in die Internetzone, verabschiede mich von Tobi. Kurzerhand schenke ich ihm meine selbstgeknüpfte Steinkette.

Kurz vor Schluss gehe ich dann doch noch zur open stage night und nehme an der letzten Performance teil: Alex singt mit musikalischer Begleitung und mit uns im Publikum gemeinsam mein Lieblingsmantra: om mani padme hum.

Donnerstag, 18.02.2016

Schon wieder schwänze ich den morning circle, melde mich aber freiwillig fürs Frühstückmachen. Als zweite seva fällt mir wieder die verhasste Aufgabe „bees and termites“ zu, bei der ich unvegane Dinge tun muss. Heute müssen wir unter den Hütten nach Termitenhügeln suchen und diese zerstören. In einem verlassenen Termitenhügel wohnt ein riesengroßer Skorpion. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Skorpion sehe. Er ist wunderschön: schwarz und glänzend mit seinem hartschaligen gegliederten Panzer und trotzdem so beweglich auf seinen acht schlanken Beinen. Er fühlt sich von uns bedroht und hat Angst. Wir lassen ihn in Ruhe und gehen zur nächsten Hütte. Der Termitenstaat, den ich dort aufstöbere, fühlt sich verständlicherweise ebenfalls bedroht und geht direkt zum Angriff über. Mein ganzer Körper ist voller tapferer Soldatinnen, die herzhaft zubeißen und nicht mehr loslassen. Ziemlich schmerzhafte Erfahrung für mich. Sofia hilft mir, mich von den Riesenameisen zu befreien. Erwähnte ich, dass ich diesen Job hasse?

Generell geht es mir heute aber viel besser. Andauernd fragen mich Leute, wie es mir heute geht. Nachmittags baden wir zu dritt im Schlammteich, was immer sehr erfrischend ist, und sofort danach gehe ich zu einem Guided-meditation-Workshop von Mirjam und lerne neben dem Prinzip der walking meditation eine für mich ziemlich effektive Meditationstechnik von ihr. Mein Geist versinkt in Meditation und mein Körper schläft ein und ruht sich aus, und nach dem Beenden der Meditation fühle ich mich ausbalanciert und relaxt. Abends gibt es kein dinner, deshalb fahren wir mit einigen Leuten per Rikscha wie gewohnt zum Sun Rise.

Freitag, 19.02.2016

Der erste Baum! Endlich pflanze ich einen Baum! Ich bin sehr stolz. Nach zweieinhalb Wochen darf ich hier endlich Bäume pflanzen. Alle Anwesenden scheinen zu spüren, dass diese Aufgabe etwas ganz Besonderes ist: Während unserer seva machen alle Leute Dutzende Fotos von der Pflanzaktion. Insgesamt pflanzen wir an diesem Vormittag 32 Bäume in den Sadhana Forest. Das geht so: in die bereits aufgehobenen Pflanzlöcher mit 30 cm Durchmesser und 50 cm Tiefe werden etwa fünf Liter Wasser gegossen. Danach wird das Pflanzloch mit einem Walderde-Kompost-Gemisch, dem noch in Urin getränkte Holzkohle begemengt wird, aufgefüllt. Zum Schluss kommt mit Kompost vermischte top soil (die obere Bodenschicht) obendrauf und weitere fünf Liter Wasser. Nach etwa drei Tagen ist das Wasser abgesackt. Man hebt eine Mulde aus, in die der Wurzelballen der Bäumchen genau hineinpasst. Der Ballen wird kurz gewässert, die untersten drei Zentimeter abgeschnitten – damit die spiralförmig gewachsene Pfahlwurzel wieder gerade wächst – und von der Plastikhülle befreit, in die er eingeschlagen ist. Zum Schluss wird der Baum eingepflanzt und erneut gewässert. Als letzten Schritt häufen wir Unmengen Akazienblätter als Mulchmaterial etwa 20 cm hoch um den Baum herum.

Heute gibt es das wunderschönste Mittagessen ever: rosafarbenen Hummus aus Kichererbsen und Rote Bete, Bohnen mit Tomaten, Möhrensticks und Brot aus Auroville, bestreut mit frischem Koriander – eine Farbexplosion! Ich versuche mich seit Tagen im Mindful Eating. Erst hier im Vergleich mit anderen bemerke ich, wie schnell ich immer esse. Viel zu schnell.

Als zweite seva habe ich Feuerholzsammeln. In der brütenden Hitze halte ich es aber nicht bis halb eins aus, sondern mache vorzeitig Feierabend. Die wertvollen freien Minuten nutze ich, um einen Rundgang zu machen und zu filmen. Nachher wird es ja wieder stressig, weil abends Eco Film Club ist. Außerdem wurde ich fürs dinner cooking eingeteilt und stehe deshalb ab 15 Uhr schon wieder in der Küche, um für etwa 200 Personen vegan zu kochen. Ungefähr 150 davon machen vorher die Sadhana-Forest-Tour und verbringt lächerlich viel Zeit damit, uns in der Küche beim Arbeiten anzuglotzen und zu fotografieren, wie ich die Wasserpumpe betätige. So bescheuert und erniedrigt fühlen sich also die armen Zootiere.

Der Film, der heute gezeigt wird, ist ziemlich gut; er heißt „The Ghosts in Our Machine“ und ist ein Film über Veganismus. Ein sehr empfehlenswerter Film.

Samstag, 20.02.2016

Wochenende! Heute wollen wir mit ein paar Leuten in ein japanisches veganes Bio-Restaurant gehen. Die Reservierung haben wir schon in der Tasche. Aber das Taxi taucht einfach nicht auf. Wir warten und warten. Aria ruft nochmal an und sagt dem Taxiunternehmen, dass kein Taxi gekommen ist. „Okay,“ sagt der Mann am Telefon und legt auf. Auch nach einer halben Stunde ist nicht einmal der Hauch eines Taxis zu erahnen.

Kurzerhand beschließen wir, stattdessen zum Sun Rise zu latschen. Wie aufregend! Gehen und nicht fahren! Endlich komme ich dazu, Fotos außerhalb von Sadhana Forest zu machen. Besonders für die vielen einheimischen Kinder ist es sehr aufregend; sie sind fasziniert von meiner Digicam und wollen unbedingt fotografiert werden. Es ist so toll, wie aufgeschlossen und neugierig gerade die Kinder und Jugendlichen gegenüber Ausländern sind. Es ist normal, dass sie einem begeistert zuwinken und rufen oder dass sie auf uns zukommen, jedem einzelnen die Hand geben und nach dem Namen fragen.

Zurück fahren wir aber mit einer Rikscha. Die Temperaturen gepaart mit dem Zustand der Straßen sind dann doch eine ziemlich große Herausforderung.

Seit einigen Tagen geistert in meinem Kopf eine Idee herum, die langsam Gestalt annimmt: Vipassana. Tobi hat mir davon erzählt und es gibt hier einige Leute, die das schon gemacht haben. Vipassana ist eine zehntägige Schweigemeditation. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto unsicherer werde ich, das bewältigen zu können. Aber für meinen derzeitigen unausbalancierten Gemütszustand und für mein weiteres Leben wäre es sehr gut. Ich überlege, Sadhana Forest vorzeitig zu verlassen und hier in Indien noch etwas anderes zu machen. Ich habe das Gefühl, vor meiner Abreise noch einmal aus meiner Komfortzone herauszumüssen, das heißt: Sadhana Forest. Dabei taucht ein Wort immer wieder in meinem Geist auf: Goa. Goa? Warum? Ich hab keine Ahnung, vertraue aber erstmal auf meine Intuition und nehme mir vor, mich demnächst mehr mit Goa zu beschäftigen.

Sonntag, 21.02.2016

Vorgestern habe ich ein Ticket für eine Morgenmeditation in den Gärten vorm Matrimandir bekommen. Heute ist nämlich ein ganz besonderer Tag: THE MOTHER hat Geburtstag! Happy birthday, THE MOTHER! Mich lässt das ehrlich gesagt ziemlich kalt, aber trotzdem organisiere ich mir eine Mitfahrgelegenheit zum Matrimandir. Die Meditation startet um 6 Uhr bei Sonnenaufgang. Um vier Uhr morgens geht also mein Wecker, und um fünf Uhr schwingen Agatha, Aria und ich uns zu dritt auf ein klappriges Motorrad und knattern los durch die düsteren unwegsamen Sandpisten. Als wir in das Areal eingelassen werden, ist es noch stockdunkle Nacht. Dutzende Öllampen wurden entzündet und zusammen mit großen Blumenschalen auf riesigen Mandalas platziert. Im Hintergrund sitzt fett und bräsig der olle Blechball und lässt sich von einem Lichtkegel anstrahlen. Das Teil beansprucht zu jeder Tages- und Nachtzeit die Aufmerksamkeit aller und drängt sich in den Vordergrund. Ich belächle den hässlichen Koloss müde, starre auf die beruhigenden Flämmchen der Öllampen und erspüre den Sonnenaufgang. Der Himmel färbt sich langsam grau, rosa, tageslichtfarben. Mit etlichen Menschen sitze ich schweigend in einem geschwungenen Amphitheater und versuche zu meditieren. So langsam finde ich Ruhe in mir. Der Sonnenaufgang ist schön. Da schallt plötzlich aus versteckten Lautsprechern eine penetrante Stimme. Ein Mann liest eine Vision vor, die entweder THE MOTHER, ihr männliches Pendant Sri Aurobindo oder wasweißichwer (Quellenangabe des Zitats fehlt – Sechs! Setzen!) Discordia sei Dank sofort zu Papier brachte, damit wir kommenden Generationen uns auch noch daran erfreuen dürfen. Sie handelt von einer Parallelwelt, die von transparenten Wesen regiert wird, in der wir alle orangefarbene Menschen auf einem riesigen Boot sind. Weisse Bescheid? Das Ganze hätte auch von Jim Morrison stammen können. Soviel zur gemeinsamen Meditation. Der Schrott dauert ziemlich lange, dann ist es komplett hell, der Blechball strahlt auch ohne Beleuchtung und die Öllampen verlieren ihren Reiz. Leute streben zu den Lampen und ich schließe mich ihnen an und latsche einmal drumherum. Es ist zwanzig vor sieben. Wir fahren wieder zurück in den Heimatwald.

Eine Stunde später fahre ich schon wieder zum Matrimandir. Diesmal in einem Taxi. Wir haben uns ja letztes Wochenende einen heißbegehrten Termin geholt und dürfen den heiligen Blechball heute zum ersten Mal betreten.

Am Visitor Centre werden wir vom Taxi ausgekotzt. Wir müssen in den Filmraum gehen und einen weiteren sechzehnminütigen Propagandafilm über THE MOTHER (die übrigens aussieht wie eine Schildkröte), ihren Kumpel Sri Aurobindo (der übrigens aussieht wie der Sänger von den Butthole Surfers, weshalb ich fast laut losgelacht hätte) und ihre gemeinsamen Abenteuer während der Gründung dieser unserer wunderbaren Stadt Auroville ansehen. Ich staune, wie toll und eindimensional man etwas darstellen kann! Zum Beispiel preist der Film an, dass in diesem ehemaligen Wüstengebiet tausende von Bäumen gepflanzt wurden und jetzt alles grün ist. Es wurde aber vergessen zu erwähnen, dass es sich bei den Bäumen dummerweise um Silberakazien handelt, die hier nicht heimisch sind und sich wie bekloppt invasiv vermehren und die wenige einheimische Vegetation verdrängen. Ich hätte aufspringen und begeistert rufen können: „Ey, die Bäume kenn ich! Die killen wir im Sadhana Forest meterweise, rupfen die Blätter ab und mulchen damit die einheimischen Bäume, die wir jede Woche mühselig anpflanzen!“ Tue ich aber nicht. Ich bin brav.

Der Brei aus Westerners wird aus dem Filmraum in emsig heranfahrende Busse gestopft und zum Eingangstor des Matrimandir-Areals gekarrt. Dort angekommen müssen wir erstmal warten. Warten. Und warten. Dann erbarmt sich ein Fremdenführer, latscht mit uns ein bisschen durch das künstlich angelegte Grundstück, platziert uns auf Granitbänken und textet uns mit allerhand Wissenswertem über das tollste aller Gebilde, den ollen Blechball, der übrigens mit puren Blattgold überzogen ist, zu. Spätestens jetzt bekommt das Ganze einen bitteren Beigeschmack. Wer einmal durch die Dörfer gegangen oder gefahren ist, einen Blick in die windschiefen Baracken geworfen, die halbverhungerten Tiere gesehen, sich über die Berge an Müll an den Straßenrändern erschrocken, den Zustand der indischen Bevölkerung wahrgenommen und vom verseuchten sogenannten Trinkwasser Durchfall bekommen hat, weiß, warum. Hier konzentrieren sich Millionen, und zwar nicht Rupien, in einem sehr kleinen Gebiet, von dem ein weitaus größeres Gebiet aber sehr hätte profitieren können. Ich fühle mich unwohl in den „Gärten“. Sie erinnern mich an irgendwas, aber ich komme erst nicht darauf. Der Blick ist so vertraut. Erst als ich wie ein Lemming dem Fremdenführer hinterherdackle, fällt es mir siedendheiß ein: Fußballfeld! Es sieht hier aus wie ein riesiges Fußballfeld. Tote, monotone Rasenflächen ohne jegliche Biodiversität. Akkurate Steinpfade, aalglatte Wasserfälle, keine Insekten, keine Natur. Importierter grüner stoppelkurzer Rasen, der mit Unmengen Wasser mühsam am Leben gehalten wird.

Unsere Gruppe darf durch einen der „petals“ gehen, die ringförmig um den Blechball angeordneten Meditationsräume. Sie sind mit grellen Neonfarben beleuchtet und in weißem Interieur gehalten. Spiritualität? Erdverbundenheit? Nein danke.

Wird dürfen direkt unter den ollen Blechball gehen und uns im großen Kreis hinsetzen. Über mir hockt der olle Blechball, der aus vielen runden Scheiben zusammengesetzt ist, die ihrerseits aus ganz vielen Goldpailleten bestehen, wie Satellitenschüsseln aus goldenen konkaven Discokugeln. In der Mitte unter dem Blechball ist eine Kristallkugel in den Boden eingelassen. Um die sitzen wir herum und während alle anderen andächtig die Augen schließen, sitze ich im Schneidersitz da und glotze herum. Bald erklingt ein Glöckchen, der Fremdenführer fuchtelt uns zum Haupteingang des Blechballs. Man darf ja nicht reden. Bloß nicht! Vorher müssen wir aber die Schuhe ausziehen. Ich betrete den Matrimandir. Innen drin ist es surreal. Die gewölbte Wand glimmt violett. Der Boden ist mit weißem Teppich überzogen. Es gibt keine Treppen, nur riesige gewundene Rampen, die wir hinaufgehen müssen. Uns werden weiße Socken gereicht, die wir anziehen müssen. Dann geht es die nächste Rampe hinauf immer höher in den Bauch des Blechballs, der innen eigentlich aus Plastik und Beton besteht. In einer braven Reihe gehen wir die Rampe hinauf, etwa dreißig oder fünfzig Menschen, durch diese halbdunkle Vision einer futuristischen Einrichtung aus den Siebzigerjahren. Es ist gruselig. Alle tragen diese weißen Socken, ich bin mitten unter allen anderen in dieser endlosen Prozession gleichförmiger Menschen. Ich fühle mich wie fremdgesteuert.

Wenn die uns jetzt jedem eine Pille oder eine Spritze verabreichen, denke ich, überrascht mich das wenig. Es wäre absolut passend zum ganzen Drumherum. Ein weiterer Gedanke schiebt sich in den Vordergrund: Brave New World. Ich bin mittendrin in einer Dystopie.

Die Rampe endet, und wir werden schweigend durch eine Tür gefuchtelt. Ich bin drin im Bauch des Matrimandir! Ein riesiger klimatisierter Saal, nur beleuchtet von einem einzigen Sonnenstrahl, der durch ein Loch am Scheitelpunkt fällt, in der Mitte des Raumes auf eine gigantische Kristallkugel trifft und von ihr gebrochen wird, alles im Raum rein weiß, mit weißen Marmorwänden, meterhohen weißen Marmorsäulen, weißem Teppich, und an den kreisrunden Wand entlang weiße Sitzkissen auf dem Boden, auf denen wir einzeln Platz nehmen. Totenstille. Ich starre auf die Kristallkugel und den Sonnenstrahl. Die Kristallkugel ist ziemlich staubig. Ich überlege, ob der Teppich jemals gesaugt wird, und hätte diesen Job gerne. Ich stelle mir vor, wie hier jeden Tag unzählige Menschen hinpilgern, andächtig in dieser besonderen Atmosphäre in tiefe Meditation versinken, und ich danach, wenn alle weg sind, erstmal das Deckenlicht einschalte, einen Staubsauger in eine versteckte Steckdose einstöpsele und genervt den Teppich sauge, ein wenig halbherzig die Kissen ausklopfe und die Kristallkugel mit Glasreiniger abwische.

Aber das Unglaubliche passiert doch noch: Mein Geist kommt zur Ruhe und ich versinke selbst in eine ziemlich tiefe und intensive Meditation. Es kommen Gefühle zum Vorschein, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, zumindest nicht in dem Umfang.

Irgendwann reißt mich tatsächlich ein Lichtschalter aus den höheren Sphären, in denen mein Geist gerade schwebt: Fertig meditiert, Leute, die anderen wollen auch mal! Wir werden schweigend zur Tür hinausgefuchtelt. Ich gehe ziemlich weit vorne in unserem trottenden Trupp. Als ich mich umdrehe, sehe ich die vielen anderen Menschen aus meiner Gruppe hintereinander die weiße Rampe hinunterschlurfen. Das sieht gruselig aus. Vielleicht kriegen wir ja erst jetzt unsere Todespille verabreicht, weil wir jetzt so schön relaxt sind und uns deswegen nicht so schnell wehren können. Möglich wäre es. Das einzige, was im Matrimandir nicht weiß ist, sind die nackten Betonkonstruktionen, das Skelett. Ich muss grinsen. Die Betonpfeiler und -wände sehen genauso aus wie die Ruhr-Uni Bochum. Wir müssen unsere weißen Socken zurückgeben. Sie waren mir sowieso zu groß. Ab nach draußen.

Draußen ist etwas Lebendiges, das einzig wirklich Lebendige weit und breit: Der uralte Banyan Tree, der schon vor der Gründung Aurovilles hier stand und dessen Hauptstamm jetzt einige Meter Umfang und im Laufe der Zeit aus seinen Luftwurzeln 32 Nebenstämme gebildet hat. Ein Miniwald, der aus einem einzigen Organismus besteht. Ich verspüre den sehr starken Drang, den Stamm zu umarmen und die Kraft dieses Wesens zu spüren. Alle Leute haben diesen Drang, als hätte man sich schweigend abgesprochen. Im Kreis stehen die Menschen um die Baumstämme herum und legen ihre Hände an die rauhe Borke. Dieses lebende Gebilde hier ist das schönste weit und breit.

Wir gehen zurück, holen unsere Taschen wieder ab und gehen in die Green’s Kitchen zum Mittagessen. Ich nehme Pasta, hot chocolate und ein Stück Schokoladenkuchen und zahle dafür 490 Rupien, ungefähr sechs Euro. Ich wäre gerne weiterhin in dieser meditativen ruhigen Stimmung, aber es entsteht (mal wieder) eine Diskussion über Veganismus, ich kann mal wieder meine Fresse nicht halten, als ich mir den geistigen Dünnschiss anderer Leute anhören muss, und die Situation eskaliert.

Ich ziehe mich in mich zurück. Ich will nicht mehr. Ganz und gar nicht mehr. Etwas muss sich ändern. Ein Wort schwirrt mir durch den Kopf: Vipassana. Ich muss hier weg von diesen Leuten. Ich muss einen Weg finden, mit dem Rest meines Lebens klarzukommen, und zwar so schnell wie möglich.

Im Heimatwald angekommen, renne ich schnurstraks zur Bücherei-Schrägstrich-Umsonstladen und nehme mir die guterhaltenen Wanderschuhe in meiner Größe, die dort seit einigen Tagen stehen. Jetzt bin ich frei! Ich habe die Möglichkeit, von hier zu verschwinden und mich fortzubewegen, ohne Geld zu bezahlen und ohne auf andere angewiesen zu sein. Ich kann gehen! Das ist schonmal gut. Als nächstes bleibt nur eine Frage zu klären: Wohin?

Ich beschließe, im Bücherregal nach Reiseführern zu suchen, und der richtige wird mich dann schon finden. Also suche ich los … Indien, Indien, Indien, Indien … Goa. Schon wieder Goa. Ich nehme den Reiseführer mit.

Abends erzähle ich einigen Leuten (ich werde schon wieder dauernd gefragt, wie es mir geht), dass ich weiterreisen möchte. Unabhängig voneinander wird mir von Goa abgeraten. Stattdessen raten mir im Laufe des Abends drei Leute unabhängig voneinander dazu, bei der Farm Buddha Garden in Auroville zu arbeiten. Ein Wink des Schicksals? Das wird sich noch zeigen. Fest steht, dass ich hier früher weggehen muss als ursprünglich geplant.

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