Sadhana Forest, Part VIII – Die letzte Woche und Abschied

Montag, 29.02.2016

Es fühlt sich an wie mitten in der Nacht, als ich aufwache. Aber wahrscheinlich ist es so halb vier. Jedenfalls fühle ich mich fiebrig. Und ich habe Durchfall. Na toll. Schlapp liege ich im Bett herum, bis der Weckruf geht. Die Frau, die sich diese Woche dafür gemeldet hat, nimmt den Begriff „Weckruf“ beim Wort und grölt lauthals irgendetwas, das melodisch klingen soll. Ihre Stimme ist grauenhaft. Das kann ja eine tolle Woche werden.

Ich bleibe einfach ich Bett. Mir geht es so elend. Meine Kohletabletten wirken herzlich wenig. Alle anderthalb Stunden renne ich zum Klo und den Rest der Zeit versuche ich, wieder einzuschlafen und gleichzeitig Wasser zu trinken. Das sind zwei miteinander konkurrierende Ziele, wie ich feststelle. Ich beschließe für meinen Körper das Beste zu tun und heute zu fasten, damit er seine Energie statt in die Verdauung in die Heilung stecken kann. Zwischendurch schleppe ich mich pflichtbewusst zu Julie, die die „healing hut“ betreut, also alles Medizinische, und melde gehorsamst meinen Fieber-und-Durchfall-Zustand. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber es fühlt sich für mich so an, als müsste ich ein schlechtes Gewissen haben, krank zu sein und nicht arbeiten zu können. Als würde man mir nicht wirklich glauben. Glaube ich mir etwa selbst nicht? Mein Zustand lässt allerdings keine Zweifel offen. Heute bleibe ich bis zum Abend im Bett, finde einen Ersatzmenschen für meine zweite seva, so wie es mir aufgetragen wurde, esse kurz zwischendurch eine Banane, und möchte dann ein wenig von dem Abendessen probieren. Vormittags schaffe ich es, vielleicht eine gute Stunde zu schlafen, jedoch nur sehr unruhig, weil ungefähr fünf Meter neben meinem Bett die Feuerholzjungs sägen und dabei wie immer laut ihr Radio hören. Nachdem ich aus unruhigem Schlaf erwacht bin, versuche ich es mit Ohropax, aber es bringt leider nichts mehr. Den Rest des Tages bleibe ich wach und schlafe erst abends wieder erschöpft und krank ein. Morgen wird alles besser.

Dienstag, 01.03.2016

Heute wird alles besser. Nach 11 Stunden Schlaf fühle ich mich ausgeruht und überraschend fit. Der Durchfall scheint verschwunden zu sein. Jetzt muss ich also wieder das tun, was mein Dasein hier berechtigt: malochen.

Zum Glück wache ich vor dem Weckgeschrei auf. Es scheint immer schlimmer zu werden. Gestern hatte die Tusse, die alle wecken soll, noch mehr Getrommel als Geschrei in ihrem Programm. Heute stellt sie sich einfach nur vor den Schlafsaal, holt tief Luft und brüllt einfach los mit ihrer grauenhaften Stimme. Unvegane Gefühle und Gelüste tauchen in mir auf, es kommen Schmerz und absichtliche lang anhaltende Quälerei darin vor. Die Frau kann froh sein, dass ich absolut keine Ahnung habe, wie sie aussieht und wie sie heißt. Ich kenne nur ihre grauenhafte Stimme.

Ab zur Arbeit in den Wald. Wir graben wieder Pflanzlöcher für die Bäumchen. Eigentlich macht man das zu zweit, aber ich fange alleine mit einem Loch an und niemand hat Bock, mit mir zusammen zu arbeiten (ich lasse auch alle meine desinteressierte Stimmung spüren), und so buddle ich alleine im Wüstensand herum. Ich arbeite langsam und mache sehr oft Pausen, um auszuruhen. Trotzdem passieren zwei Dinge: 1) Ich stelle in dieser seva ein Pflanzloch komplett fertig, so als hätte ich mit jemandem zusammengearbeitet, und 2) fühle ich mich danach schon wieder krank und fiebrig und mein Gesicht glüht. Nach dem Frühstück gehe ich wieder ins Bett; so hat es für mich keinen Sinn. Die Arbeit macht weder Spaß, noch ist sie bereichernd, noch tut sie meinem Körper gut, also lasse ich sie sein. Überhaupt geht es mir seit Tagen nicht so gut, so ein unbestimmtes Unwohlsein plagt mich durchgängig. Seit dieser einen schlimmen Woche, in der ich heulend zusammengeklappt bin, ist nichts wie vorher. Die Euphorie ist verflogen, ich sehe alles hier eher pragmatisch-realistisch. Dazu kommt der stetige Wandel in der Community. Jeden Tag kommen neue volunteers. Und sie interessieren mich einfach nicht. Kein Stück. Seit ungefähr zwei Wochen sind mir die Leute, die hier neu ankommen, scheißegal. Ich habe keine Ambitionen, sie kennenzulernen oder ihnen die Eingewöhnungsphase hier mit netten Worten zu erleichtern, so wie es in den ersten zwei Wochen der Fall war. Es werden hier immer mehr fremde Gesichter, zu denen kein Name gehört. Es tummeln sich immer mehr fremde Namen auf der Tafel mit der Aufgabenverteilung, zu denen es für mich kein Gesicht gibt. Meine Community existiert nicht mehr. Das hier ist nicht mehr meine Community. Nur noch einige Wenige sind von „meiner“ Community übriggeblieben. Dieses Kennenlernprozedere ist für mich nur noch ein inzwischen langweiliges, dämliches Spiel, das mir seit Tagen über ist; ich habe es ja inzwischen auch einen Monat lang jeden Tag mehrmals gespielt. Es geht so: Man stellt seinem neuen Gegenüber ganz viele Fragen und bekommt nach der Antwort dieselbe Frage zurückgestellt, die man dann ebenfalls beantwortet, bevor man zur nächsten Frage übergeht. Dabei ist man hoechst interessiert an seinem Gegenüber und versucht sich alle Antworten zu merken.

„Wie heißt Du nochmal?“

„Woher kommst Du?“

„Bist Du direkt von dort hierhergekommen oder bist Du vorher schon gereist?“

„Und wie lange bleibst Du hier?“

„Was machst Du nach Sadhana Forest? Reist du noch weiter?“

„Und was machst Du zu Hause so? Arbeitest Du oder studierst Du?“

Diese Liste an Fragen lässt sich beliebig lang fortsetzen. Ziel des Spiels ist, vorerst die notwendigen Basics über diese Person zu erfahren. Ein Spiel, das ich inzwischen an die hundert Mal gespielt habe. Und mehr ist es für mich auch nicht mehr: Ein lästiges Spiel, an dem ich das Interesse verloren habe. Das ist natürlich unfair gegenüber den ganzen aufgeregten Neuankömmlingen, die noch voll geflasht sind von Sadhana forest und den vielen Leuten und alles, aber ich habe einfach keinen Bock mehr. Absolut keinen Bock mehr auf diesen Frage-Antwort-Scheiß. Manche Leute versuchen es noch bei mir. Aber ich breche die Regeln und schon ist das Spiel kaputt.

„Wie heißt Du?“

„Alex.“

„Und woher kommst Du?“

„Germany.“

Schweigen. Schweigend weiterarbeiten.

Ganz oft denke ich mir: Was soll der Zirkus; diese Leute sind doch eh nach drei Wochen wieder weg. Die sind teilweise wieder weg, bevor ich hier abreise. Wozu sollte ich die kennenlernen? Es lohnt sich nicht. Mir ist das über. Ich möchte mich an niemanden emotional binden, der sowieso bald wieder weg ist. Den Fehler habe ich anfangs gemacht, als ich noch alle Leute hier toll fand, und umso schlimmer ist es dann, wenn sie abreisen.

Diese Tatsache und noch einige andere Sachen zehren seit Wochen an meiner Stimmung. Die viele Arbeit. Die wenige Freizeit. Das Gefühl, nur eine Arbeitskraft zu sein, die auch noch für ihre Verpflegung selbst aufkommen muss. Die nicht vorhandene Privatsphäre.

Mich nervt immer mehr Kleinkram: Dieser unmögliche Weckruf. Wie kommt man darauf, dass Leute auf diese Art und Weise gerne aufwachen möchten? Wie kann man so wenig Feingefühl haben? Dann die eine Neue mit dem skandinavischen Akzent, dessentwegen ich ihr immer die Halsschlagader durchschneiden möchte, wenn sie spricht. Die ganzen ätzenden Kinder, die hier inzwischen überall herumlaufen und schlimmer noch: andauernd heulen und rumjammern. Die mangelnde Hygiene, vor allem für meine Dreadlocks. Permanent in klamm-feuchter Unterhose herumlaufen zu müssen (ich bin dazu übergegangen, mir so oft wie möglich mein Handtuch zum Klo mitzunehmen. Ein extra Arschtuch wäre aber noch besser.). Ich möchte mich endlich mal wieder richtig duschen und danach einen durch und durch sauberen, trockenen Körper haben.

Dass ich hier früher wegmuss als ursprünglich geplant, weiß ich ja schon lange und habe ja auch mit der Anmeldung zur Vipassana am 16. März die Konsequenz aus dieser Einsicht gezogen. Aber ich zähle jeden Tag die Tage, bis ich endlich weiterziehen kann. Heute sind es noch 15. Mehr als zwei Wochen. Während ich in meinem Bett liege, anstatt meine zweite seva zu absolvieren, denke ich mir so, dass ich ja vielleicht auch früher abreisen könnte. Nächste Woche Donnerstag zum Beispiel, am 10. März, statt erst am 16. Ich habe nämlich am 11. März nach zwei Jahren mal wieder Geburtstag, und ich wollte mir den Tag gerne schön gestalten. Als ich hier ankam, hatte ich es mir so toll vorgestellt, den Tag mit all diesen wunderbaren Menschen zu verbringen. Aber die sind jetzt alle weg. Hier sind nur noch Fremde, und die möchte ich nicht auf Teufel komm raus kennenlernen, nur damit die mir zum Geburtstag gratulieren. Wenn ich es aber niemandem sage und heimlich Geburtstag habe, ohne dass es jemand hier weiß, werde ich ganz sicher den ganzen Tag traurig sein. Nein, ich möchte an meinem Geburtstag woanders sein. Ich möchte allein unterwegs sein und mir einen schönen Tag haben. Ohne sevas. Und vor allem ohne Eco Film Club mit 200 Gästen, die aus Auroville herangekarrt wurden und mich beim Kochen filmen. Ich habe nämlich an einem Freitag Geburtstag. Nein danke. Die Entscheidung ist also gefallen: Ich gehe noch früher hier weg. Am 10. März.

Da ich immer noch schlapp im Bett herumliege und den Rest des Tages Zeit habe, hole ich mir zwei Reiseführer aus der Bücherei-Schrägstrich-Umsonstladen und wälze sie durch. Irgendein schöner, interessanter Ort muss doch hier halbwegs in der Nähe sein.

Da ist er auch schon: Kanchipuram. Die Stadt der tausend Tempel, von denen noch 200 erhalten sind. Etwas westlich von Chennai. Busse angeblich im Viertelstundentakt. Ja, sagt es in mir drin, dahin bitte. Die Zeit bis zum Abendessen brauche ich dazu, verschiedene Gästehäuser und Hotels im Internet zu vergleichen und Preise herauszusuchen. Das ist schwieriger, als es sich anhört. Die indischen Hotels haben es nicht so mit dem Internet. Sie haben meistens gar keine Webseite. Ich stoße auf das RIDE Guest House in Little Kanchipuram, etwas außerhalb der Stadt, aber dafür einer wohltätigen Gemeinschaft angehörend, die sich für allerhand Kram in Sachen Frauen- und Kinderrechte einsetzt. Ich buche sechs Nächte dort für 750 Rs pro Nacht. Insgesamt 61 Euro für sechs Nächte. Fühlt sich gut und richtig an. Also bin ich nur noch neun Tage hier. Nur noch eine Woche und ein bisschen mehr. Das schaffe ich. Auch wenn ich das Kotzen kriege, wenn ich daran denke, noch eine Woche lang diesen Arbeitsdrill mitmachen zu müssen.

Während ich mit allen anderen in der main hut sitze und auf mein Abendessen warte, steht Joy plötzlich auf, geht quer durch den Raum und umarmt mich.

„What happened?“, frage ich sie.

„Nichts, nur so“, sagt sie.

Das ist voll schön.

Nach dem Essen zeigen Petra und Janez einen Film über die Aktion „Let’s Clean Slovenia in One Day!“. Der Film ist sehr sehr gut.

Mittwoch., 02.03.2016

Erwähnte ich, dass dieser Weckruf mich aggressiv macht? Zum Glück gehe ich immer so früh zu Bett (weil mich alles ankotzt), dass ich meistens vor dem Wecken wach werde! Trotzdem. Ich gönne mir noch mehr Ruhe, weil ich absolut keine Lust habe, und schwänze meine erste seva. Kann ich ja damit rechtfertigen, dass ich vor zwei Tagen Fieber hatte. So halbwegs rechtfertigen zumindest. Aber allein schon das Gefühl zu haben, mich rechtfertigen zu müssen, zeigt doch, dass hier etwas grundlegend falsch läuft.

Aber meine zweite seva mache ich, breakfast hygiene. Danach versuche ich verzweifelt herauszufinden, wie ich nächste Woche nach Kanchipuram komme. Das Internet sagt teilweise gar nichts und teilweise, dass nur einmal täglich etwas fährt. Ich verzweifle fast daran und bin extrem unausgeglichen. Ich bin so schlecht gelaunt, dass ich absolut keine Lust habe, an der guided meditation von Josh teilzunehmen, auf die ich mich eigentlich gefreut hatte. Aber gerade weil ich so schlechte Laune habe, weiß ich, dass ich hingehen sollte, und das tue ich schließlich auch. Die Meditation tut mir sehr gut; ich merke, dass ich danach ein ganz anderer Mensch bin. Total relaxt und ausgeruht lasse ich die Reiseplanung links liegen und vertraue darauf, dass ich irgendwie meinen Weg nach Kanchipuram finden werde. Vertraue auf mich und auf die Menschen hier, denen ich vorher mit meinem Denken ja nicht zutraute, mir zu helfen oder sich in ihrem Land zu organisieren. Nur noch acht Tage. Seufz. Immer noch länger als eine Woche.

Donnerstag, 03.03.2016

Ich möchte gerne Frühstückkochen als erste seva machen, deshalb gehe ich zur Aufgabenverteilung im morning circle, aber es melden sich viel zu viele Leute, die dann rumstehen und sich gegenseitig dumm angrinsen. Genervt gehe ich zum Werkzeugschuppen, weil ich dann wohl stattdessen wieder in den Wald zum Pflanzlöcherbuddeln muss. Ich fühle mich körperlich unwohl. Mein Unterleib schmerzt. Am Werkzeugschuppen angekommen, habe ich richtige Unterleibskrämpfe. Aha. Ich weiß Bescheid. War ja auch schon einige Tage überfällig. Mir graut es, in diesem Zustand im Wald herumzukriechen und auf den Knien Erde aus einem Loch zu schaufeln. Ich gehe wieder zurück ins Bett.

Ich unterhalte mich etwas mit Yuki, die das Bett neben mir hatte und heute abreist. Schon wieder jemand, den ich sehr mag, der einfach wieder weggeht. Nach einiger Zeit geht Julie durch den Schlafsaal und guckt in allen Betten, ob Leute darin liegen. Jeder, den sie trifft, erklärt ihr, warum er nicht arbeitet. Was sind das denn für neue Sitten?? Jetzt wird hier schon kontrolliert, ob jemand blaumacht, oder was? Ich erkläre ihr, dass ich Regelschmerzen habe, und sie bringt mir eine heiße Wärmflasche, die mir tatsächlich gut tut. Dennoch finde ich es ziemlich seltsam mit diesem Kontrollgang. Ich beginne, über die Bezeichnung „seva“ nachzudenken – „selfless service“. Die Arbeit wird jeden Tag in Art und Umfang vorgegeben. Und dennoch hat sie gefälligst in völlig selbstloser Absicht zu erfolgen. Und da hakt es bei mir. Ich tue die Arbeit nicht mehr freiwillig und auch nicht gerne, und schon gar nicht selbstlos. Vorgeschriebe Arbeit kann und möchte ich nicht selbstlos machen. Ich kann und möchte Arbeit selbstlos verrichten, wenn ich mich dazu entscheide, dass ich sie machen möchte – dass ich meine Arbeitskraft selbstlos zur Verfügung stellen möchte. Und wenn ich sie einmal nicht machen möchte, weil sie dann nicht selbstlos wäre, sondern genauso erzwungen wie jeder andere kapitalistische Job, sieht man ja, was passiert: es wird kontrolliert, ob Du auch ja auch völligst selbstlos an deine Arbeit gegangen bist! Und falls nicht, nenne bitte einen triftigen Grund.

Und das jetzt noch eine ganze Woche? Ich weiß genau, dass ich nicht eine Woche lang jeden Tag freiwillig meine Lebenszeit und Arbeitskraft spenden möchte. Nicht unter den Bedingungen, die meine derzeitige Einstellung mir erschaffen hat. Nein danke. Ich möchte viel lieber: hier weg!

Als niemand guckt, beginne ich langsam, meinen Rucksack zu packen.

Dann nehme ich den Reiseführer, der hier noch von vorgestern liegt, und erweitere auf der Karte meinen Aktionsradius Richtung Süden. Dort entdecke ich etwas, das mich sofort fasziniert: einen der größten Mangrovenwälder der indischen Küste, mit Mangrovenwurzeln, die ins Wasser ragen, an denen man mit einem Boot vorbeifahren kann. Keine hundert Kilometer von hier entfernt. Für mich ist die Sache klar. Ich fahre nach Pinchavaram zu dem Mangrovenwald, und zwar so schnell wie möglich! Direkt in der Nähe, etwas landeinwärts, befindet sich die nächstgrößere Stadt Chidambaram, dort steht der größte Tempelkomplex Indiens. Klingt auch gut. Bestimmt finde ich da ein Zimmer für mich. Mit einer Tür. Die ich dann zumache. Und allein bin.

Nach einigem Suchen finde ich im Internet ein günstiges Hotel mit dem großkotzigen Namen „Royal Plaza Lodge“. Ich buche sechs Nächte und gönne mir sogar ein Zimmer mit Klimaanlage – ab morgen! Es kostet 1.000 Rs pro Nacht. Die Buchung schicke ich ab und klicke an, dass ich bei Ankunft im Hotel zahle. Zum Glück kann man da bar zahlen; ich hab ja keine Kreditkarte, sondern immer noch das Geld, das David mir geschickt hat. Außerdem bekomme ich von Sadhana Forest die Differenz zurück, denn ich habe ja im Voraus bis zum 3. April bezahlt.

Ich fühle mich erleichtert. Beim Mittagessen mache ich die Ankündigung, morgen abzureisen. Ich verteile meine Aufgaben an andere: breakfast hygiene morgen, dinner cooking Freitag, dinner cooking Sonntag. Wie gut sich das anfühlt!!!

Vorhin ist Yuki abgereist. Sie hat mir einen kleinen Brief geschrieben mit einem Origamivogel dazu, das hat mich fast zu Tränen gerührt. Ich möchte Yuki in meinem Leben sehr gerne nochmal wiedersehen; das bedeutet aber, dass ich dafür höchstwahrscheinlich nach Japan reisen muss. Aber unangeachtet der riesigen Distanz, die uns sonst trennt, sind wir uns hier begegnet und haben hier gemeinsam eine ganz toll Zeit zusammen verbracht, an die ich mich immer erinnern werde!

Heute ist Donnerstag, was bedeutet, dass es kein Abendessen gibt, deshalb schwärmt der Großteil der Leute nachmittags aus und es wird hier ziemlich ruhig. Ich verbringe eine sehr lange Zeit ganz allein in der meditation yurt. Ich meditiere, denke nach, ruhe mich einfach aus und träume vor mich hin. In so einer Jurte in ungefähr dieser Größe – etwa sechs Meter Durchmesser – würde ich gerne leben. Ich weiß ja jetzt, dass ich alles kann, was ich möchte. Ich weiß, dass ich mir Träume erfülle, wenn ich möchte, und dass sie nur Träume bleiben, wenn ich ich möchte, dass sie nur Träume bleiben. Wenn ich eine Jurte möchte, organisiere ich mir eine Jurte. Ich weiß jetzt, dass ich das einfach machen kann. Ich bin früher immer davon ausgegangen, dass gutgehegte Träume nur Träume bleiben. Früher.

Abends gehe ich wieder sehr früh zu Bett. Zwischendurch werde ich von den beiden nervtötenden ewig kichernden deutschen Mädchen geweckt, die vor ein paar Tagen hier angekommen sind und ihre Betten im ersten Stock direkt über mir haben. Seitdem fühle ich mich im Schlafsaal immer, als sei ich mit einer Realschulklasse in einem Schullandheim. Die letzte Nacht. Es ist meine letzte Nacht im Sadhana Forest.

Freitag, 04.04.2016

Ich wache von alleine auf und habe ein dumpfes Gefühl in der Magengegend. Angst. Heute wird sich etwas verändern, es wird Unbekanntes passieren! Ich werde alleine abreisen und dann noch einen ganzen Monat allein hier in Indien bleiben. Bin ich wirklich bereit dafür? Möchte ich Sadhana Forest wirklich schon verlassen? Bin ich bereit dazu?

Die Frau mit der unsäglich grässlichen Stimme stellt sich vor dem Schlafsaal auf und versucht, etwas zu singen.

Ja. Ja, ich bin mehr als bereit dazu, mit Freuden diesen Ort zu verlassen!

Ich packe meinen restlichen kram und ziehe mich an. Agata kommt zu mir und verabschiedet sich von mir. Ich hoffe wirklich, dass ich sie noch einmal wiedersehe. Sie wohnt in Polen, das ist ja nicht weit von meiner Homebase. Agata habe ich sehr ins Herz geschlossen.

Ich schleppe meinen Rucksack und meine Umhängetaschen in die main hut und warte auf Revathy, die für das Check-Out verantwortlich ist. Sie ist aber noch nicht da. Erst um halb neun, sagt man mir. Na toll. Jetzt muss ich noch zwei Stunden hier herumhängen. Einfach ausgebremst. Ich verabschiede mich von Mattia, der mich mit seinem hinreißendem Englisch-Italienisch-Mix fragt: „Fiiinish Sadhana?“ Ich habe nur wenig mit ihm zu tun gehabt, aber ihn immer sehr bewundert. Zum einen, weil er als konsequenter Rohveganer hier weiterhin seine Lebensphilosophie vertritt, und zum anderen, weil er mit seinen wenigen Englischkenntnissen trotzdem hergekommen ist und sich mit allen Leuten hier mehr oder weniger gut verständigen kann. Wie Joe vor vielen Wochen mal sagte: „I love talking to him. It makes me happy.“

Außerdem treffe ich auf Jamie und verabschiede mich lange von ihr. Auch sie werde ich sehr vermissen und sie mich auch. Sie zu besuchen hieße, nach Kalifornien zu fliegen. Werde ich das jemals schaffen? Ich versuche die Zeit herumzubekommen und lege mich endlich in eine der Hängematten. Das erste Mal! Das wollte ich schon machen, seit ich hier angekommen bin, habe es aber bis jetzt noch nicht geschafft. Ich liege in der Hängematte, bis Jamie mich wieder ruft. Sie hat etwas für mich. Sie schenkt mir einen Kristall. Sie erklärt mir, dass sie den Kristall selbst einmal geschenkt bekommen hat, und dass er positive Schwingungen speichert. Wenn ich ihn zwischen den Fingern halte, dann nimmt er die Schwingungen von meiner Umgebung auf. Wenn ich ihn mit der Hand umschlossen halte, zum Beispiel beim Meditieren, dann nimmt er meinen eigenen Schwingungen auf. Deshalb soll ich immer darauf achtgeben, mich nur mit positiv wirkenden Menschen zu umgeben. Alles Positive von Sadhana Forest ist in diesem Kristall, sagt Jamie. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich drücke sie fest an mich. Sie ist so lieb! Wie kann sie mir so etwas Wunderschönes schenken! Sie sagt noch, dass ich in den ersten Wochen als Einzige den Kristall anfassen soll und niemand anders, weil es jetzt meiner ist. Okay. Genau das mache ich dann auch. Ich liege in der main hut und bewundere meinen Kristall.

Nach zwei Stunden ist Revathy endlich da und ich kann auschecken. Ich bekomme fast die Hälfte meines Geldes zurück, meine 1000 Rs Pfand ebenfalls und das obligatorische Sadhana-Forest-Notizbuch. Inzwischen ist es Frühstückszeit. Ich mache NICHT den breakfast manager, aber ich beschließe, nun doch noch mitzufrühstücken: Pfannkuchen mit Zwiebeln, Kokoschutney, Papaya, Wassermelone, Ananas.

Dann verabschiede ich mich von Misaki, Joy, Jörn, Julie, Arnaud, Pooja, Agata (zum zweiten Mal), Martin, Matthew und Jamie (zum dritten Mal), wuchte mir meinen Rucksack auf den Rücken, nehme meine Umhängetasche und gehe. Das Abenteuer Sadhana Forest habe ich hiermit erfolgreich beendet!

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