Sadhana Forest, Part VII — Die vierte Woche

Montag, 22.02.2016

Der Morgen beginnt ganz normal. Wir gehen in den Wald und graben Pflanzlöcher. Nach dem Frühstück melde ich mich fürs Mittagessenkochen. Doch zwischendurch bemerke ich, dass etwas nicht stimmt. Ein volunteer ist plötzlich verschwunden. Er hat einfach seine Sachen gepackt und ist gegangen, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Manche wissen davon, manche nicht.

Aviram, der Gründer von Sadhana Forest, macht eine Ankündigung für ein Meeting zu diesem Thema um 15 Uhr.

Erst während dieses Meetings erfahre ich, dass diese Person andere Personen sexuell belästigt hat. Das Treffen ist sehr emotional und wird kontrovers diskutiert, jedoch wird natürlich keine endgültige Lösung gefunden, um solche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Ich bin ziemlich geschockt von dem Ganzen. Meine Stimmung ist noch gedrückter als zuvor. Überhaupt ist dadurch die Atmosphäre hier gedämpft. Ich weiß nicht, ob es dieser Vorfall und die nun vorherrschende geknickte traurige Stimmung ist, oder ob für mich einfach die Zeit reif ist für eine Entscheidung. Jedenfalls melde ich mich heute kurzerhand für eine Vipassana an. Seit Tagen habe ich mit Leuten darüber gesprochen, Fragen gestellt und recherchiert, an welchem Ort ich sie machen wollen würde, und konnte mich nicht entscheiden. Nun höre ich einfach auf mein Herz: Die Vipassana in Chennai beginnt am 16. März, am Geburtstag meines Opas. Das ist also meine Vipassana. Ich schicke das Anmeldeformular ab.

Heute Abend ist wieder sharing circle. Ich bitte darum, das hugging am Schluss wieder einzuführen, und alle sind einverstanden. Es tut sehr gut, nach dem Teilen der Emotionen seine Mitmenschen liebevoll zu umarmen und von ihnen umarmt zu werden.

Dienstag, 23.02.2016

Ich gönne mir mehr Ruhe. Morgens koche ich Frühstück und vormittags gehe ich Feuerholz sammeln. Dabei mache ich mehr Pausen als Arbeitszeit. Für mich ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber wenn mein Körper und mein Geist weiter funktionieren sollen, muss ich das so handhaben. Bei fast 40 Grad im „Forest“ schleppe ich ein paar Arme trockenes Holz heran und trinke danach erstmal in Ruhe literweise Wasser. Auch den Rest des Tages mache ich mir ganz peacig. Mein Highlight heute ist die Zusage für meinen Vipassana-Platz! Hurra! Ich mache es also wirklich.

Mittwoch, 24.02.2016

Die erste seva schwänze ich heute. Ich bleibe einfach im Bett liegen. Sonst bin ich immer der erste Mensch, der irgendwo mit anpackt, wo Hilfe benötigt wird, und ich hasse faule Leute, die sich um ihre Aufgaben drücken oder sie nur halbherzig erledigen. Mein schlechtes Gewissen plagt mich anfangs, aber dann besinne ich mich darauf, dass mein Körper und meine Gesundheit meine einzigen, wahren, wichtigsten Besitztümer sind, und dass ich ihr Wohlbefinden unbedingt bewahren muss. Langsam schaffe ich es, die Tatsache anzunehmen, dass ich mich schonen muss und dass es niemanden nützt, wenn ich mir durch Stress meinen Geist vergifte und meinen Körper plage. Es stellt sich heraus, dass meine Ruhephase einen weiteren positiven Aspekt hat: Während ich in meinem Bett herumgammle, höre ich nebenan Iina, die jemandem traurig erzählt, dass ihre Wanderschuhe weg sind. Iina und ihr Freund waren nämlich zwei Wochen im Krankenhaus und sind jetzt erst wiedergekommen. In der Zwischenzeit hat sich die Gruppenstruktur total geändert und viele herumliegende Sachen wurden wegsortiert. Ich sage: „Iina. I’ve got your shoes“, und gebe sie ihr zurück. Sie ist überglücklich und umarmt mich dankbar.

Als zweite seva mache ich wieder Mittagessenkochen. Das mag ich gerne. Man ist nicht in der prallen Sonne und kann so vor sich hinschnibbeln und dabei mit Leuten reden oder auch eben nicht.

Nach dem Mittagessen habe ich wieder frei und verbringe auch den Rest des Tages mit Ruhe: Ich gehe meditieren, döse auf einem Outdoor-Bett im Halbschatten. Jamie gibt mir was von ihren Macrame-Schnüren ab und ich knüpfe eine neue Steinkette, diesmal mit zwei Steinen drin. Es funktioniert auf Anhieb ganz gut, aber die Kette ist zu kurz, um sie sich um den Hals zu hängen. Irgendwas ist ja immer! Wahrscheinlich werde ich sie nochmal aufdröseln und stattdessen ein Fußband daraus machen.

Donnerstag, 25.02.2016

Heute werden wieder Bäume gepflanzt! Ich pflanze aber nicht direkt mit, sondern bevorzuge es, alleine die Gießkannen im mud pool zu befüllen und zurückzuschleppen, damit ich etwas für mich bin. Ich bringe mir gerade bei, dass es vollkommen in Ordnung ist, wenn ich alleine sein möchte. Ich nehme mir selbst den Druck, andauernd mit anderen Leuten interagieren zu müssen. Ich war immer der Meinung, dass meine Neigung, meistens lieber etwas allein tun zu wollen, immer unangebracht und falsch ist. Dass Leute mich deswegen komisch finden oder so etwas, und das ja auch berechtigt ist, weil ich mich eigentlich mit ihnen abgeben sollte. All das schmeiße ich gerade weg. Scheiß Druck! Es ist okay, dass ich Zeit für mich brauche. Es ist mein Leben und ich möchte mich wohlfühlen anstatt zu versuchen, anderen zu gefallen. Interessanterweise hat das Auswirkungen: Leute kommen auf mich zu und reden mit mir, und meistens freue ich mich auch darüber. Jamie sagt aus heiterem Himmel: „Ich bin froh, dass Du die ganze Zeit, in der ich hier bin, auch hier bist. Ich mag deine Gesellschaft.“ Nachmittags erzählt sie mir von I Ching, so einem chinesischem Schicksalsgedöns, bei dem man drei Münzen werfen und danach Linien zeichnen muss, dessen Muster dann eine vorher gestellte Frage beantworten. Sie bringt mir bei, wie es funktioniert, und ich probiere es aus.

Freitag, 26.02.2016

Tja, da passiert es schon wieder: Ich mache die erste seva nicht mit, bleibe einfach im Bett. Das Problem ist, dass die Zeit zwischen dem Wecken und dem Arbeiten für mich viel zu kurz ist. Um kurz nach halb sechs startet der Weckruf, dann dauert das mühsame Aufwachen ja auch noch ein wenig, und um viertel nach sieben geht es an die Arbeit. Dazwischen ist eigentlich noch morning circle, aber den habe ich für mich inzwischen vollständig abgeschrieben. Erst um sieben Uhr stehe ich auf und helfe Yuki und Misaki ein bisschen dabei, die main hut zu putzen. Die beiden freuen sich darüber, sagen aber, dass ich das echt nicht machen brauche, also hänge ich bis zum Frühstück gemütlich herum. Ich weiß ja, dass heute wieder ein stressiger Tag wird: die Gäste kommen nachher wie jeden Freitag!

Als zweite seva springe ich wieder – so wie gestern schon – für Michaela ein, die etwas kränklich ist und deshalb nicht arbeiten kann. Ich mache mit Maria zusammen breakfast hygiene, d.h. wir waschen nach dem Frühstück die Eimer und Bottiche an, aus denen das Frühstück serviert wurde, befüllen die Wassereimer zum Geschirrspülen neu, putzen die Handwasserpumpe mit Essig, holen das Geschirr zum trocknen aus dem jodhaltigen Wasser und räumen es nach dem Trocknen wieder ins Geschirrregal. Die Arbeit ist nett und wir sind früh fertig, also ziehen wir uns um und baden im mud pool. Im mud pool kann man – noch – toll schwimmen, obwohl der Wasserspiegel jeden Tag sinkt. Es regnet ja seit Monaten nicht mehr. Außerdem ist der Schlamm toll für die Haut und die Haare. Wir machen uns immer Ganzkörperschlammpackungen.

Um 15 Uhr muss ich schon wieder ran an die Arbeit, denn ich wurde zum Abendessenkochen eingeteilt. Ich koche echt gerne, aber freitags hasse ich es. In zwei Bussen werden knapp 200 Gäste aus Auroville herangekarrt, die dann herumgeführt werden. Die Küche ist das erste, was ihnen bei der Tour gezeigt wird, wenn sie aus der main hut kommen. Dann steht da eine Riesentraube glotzender Europäer und sieht einfach nur dumm aus. Sie strecken uns hochkonzentriert ihre Smartphones entgegen und fotografieren uns oder filmen. Keiner, wirklich kein einziger von ihnen, kommt auf die Idee, uns Menschen in der Küche um Erlaubnis zu fragen, ob es überhaupt für uns in Ordnung ist, von Wildfremden fotografiert und gefilmt zu werden. Nein, sie glotzen dumm rum und das wichtigste ist für sie, das Unglaubliche, dem sie gerade beiwohnen, dauerhaft festzuhalten. Und wahrscheinlich auf Facebook zu posten oder sonstwo. Es ist immer so faszinierend, wie die kollektive Stupidität einsetzt, je mehr Menschen zusammenkommen. Sie merken überhaupt nicht, wie unhöflich sie sind, wenn sie es für selbstverständlich hinnehmen, ihre Kameras ungefragt auf andere Menschen zu richten, als würden diese Menschen in der Küche ein Theaterstück für sie vorführen. Für den Pulk sind wir vom Küchenteam keine Menschen. Wir haben keine Rechte. Wir haben keine Privatsphäre. Wir sind zur Unterhaltung da: Guck mal, so kochen die hier. Die machen das jetzt gerade, damit wir sehen, wie die das machen. Ein filmenswertes Event. Sie werten uns damit ab, entmenschlichen uns, entziehen uns schweigend unsere Menschenrechte. Wenn ich in der Küche zum Kochen eingeteilt werde, dann bin ich in der Küche, um zu kochen, weil es nachher Abendessen geben soll. Wenn ich in der Küche bin und koche, dann bedeutet das nicht, dass ich dort bin, weil ich mich filmen und fotografieren lassen will.

Ich schäme mich dafür, dass ich vor vielen vielen Jahren den Zoo besucht und dort die Tiere fotografiert habe. Das war damals meine unreflektierte Einstellung: Man geht ja in den Zoo, um Tiere anzugucken. Die sind da, um angeguckt und fotografiert zu werden. Niemand fragt sie, ob das für sie in Ordnung ist oder ob sie dadurch entwürdigt werden. Sie sind nicht freiwillig dorthingegangen. Sie wurden dort eingesperrt.

Samstag, 27.02.2016

Wochenende! Meine einzige wirkliche Aktivität besteht darin, mit einigen anderen mittags zum Sun Rise zu latschen. Ich esse Thali und einen Jangiri und wir gehen wieder zurück. Das ist ziemlich grenzwertig; danach bin ich ziemlich k.o. Den Rest des Tages verbringe ich mit Ruhe, Musikhören, nachdenken, telefoniere mit David.

Ich sage immer, ich habe mich hier verändert. Aber das stimmt nicht. Nicht ich habe mich verändert, sondern meine Einstellung zu mir selbst hat sich verändert. Das ist gut. Ich fühle mich ganz gut.

Noch etwas mache ich heute: Ich treffe eine Entscheidung darüber, was ich in der verbleibenden Woche nach meiner Vipassana machen möchte. Die Vipassana geht bis zum 27. März und ich fliege erst am 3. April zurück. Es gibt nicht weit von hier einen kleinen Ort direkt an der Coromandelküste, mit Strand und ganz vielen Tempeln. Es soll dort wunderschön und erholsam sein. Der Ort heißt Mahabalipuram. Nach einigem Herumgesuche finde ich das günstigste Hotelzimmer und buche es für eine Woche: 3.360 Rupien, umgerechnet etwa 47 Euro – das ist der Gesamtpreis für 7 Nächte! In Indien lässt es sich wirklich preiswert reisen. Jetzt bin ich noch 19 Tage im Sadhana Forest, dann 10 Tage bei der Vipassana in Chennai und in genau einem Monat für sieben Tage in Mahabalipuram. Ich bin guter Dinge und freue mich auf das, was noch kommt.

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